Sexismus-erdbeben in kolumbiens medien: star-moderatoren fliegen nach massen-outing
Ein Flüstern wurde zum Knall. Innerhalb von 96 Stunden stürzten in Kolumbien zwei TV-Gesichter, die seit Jahrzehnten die Nachrichtensendungen beherrschten. Der Grund: Frauen, die sich endlich trauen, laut zu sagen, was jeder im Sender wusste – und niemand benannte.
“Er zog mich ins büro ohne kameras”
Die Redaktion von Infobae Colombia veröffentlichte am Freitag um 22:07 Uhr den ersten Bericht. Darin die 29-jährige Radioredakteurin “Sara”, die anonym bleiben muss, weil sie noch immer Angst hat. Sie erzählt, wie Moderator Ricardo Orrego sie im Juli 2023 vor den Toiletten von Blu Radio abfing, an den Schulern packte und mit Zunge küsste. “Dachte nur: Wenn ich jetzt schreie, ist meine Karriere vorbei.” Drei Tage später postete Lina Tobón ein Foto ihrer Hand, auf der sich noch die Fingerabdrücke des Kollegen sehen. “Ich habe geweint, während er lachte”, schreibt sie unter das Bild.
Caracol, bislang undurchdringliche Festung, reagierte mit einer Wortmeldung, die so schnell kam, dass sie selbst intern für Verwirrung sorgte. “Wir aktivieren das interne Prüfprotokoll”, hieß es am Sonntag. Am Montag war Schluss: Orrego flog. Jorge Alfredo Vargas, der Abendmoderator, musst seinen Vertrag “in beiderseitigem Einvernehmen” auflösen – PR-Sprech für: Er ging freiwillig, bevor er gefeuert wird. Die Staatsanwaltschaft übernahm bereits die Ermittlungen wegen sexueller Nötigung im Amt.

Bei rcn sitzt der nächste bereits auf glühenden kohlen
Noch während die Hashtags #NoEstamosSolos und #CaracolResponde Trending Topic kletterten, platzierte eine ehemalige RCN-Reporterin bei Infobae ihren Bericht über Fernado Peña, stellvertretender Nachrichtenchef. Sie musste ihm Berichte vorstellen – auf seinem Schoß. “Wenn du dich weigerst, heißt es: ‘Schau dir mal an, wie lange ich hier bin und wie lange du’.” HR zeigte damals ein Schaubild: Peñas Betriebszugehörigkeit gegen ihre. Sie verlor. Er blieb. Jetzt ist Peña “in freigestellter Vorbereitung auf ein internes Verfahren”, wie RCN formuliert – auch das nur, weil die Anwälte der Frauen Screenshots von Chatverläufen an die Öffentlichkeit drohten.
Die Geschädigten organisieren sich in einem geschlossenen WhatsApp-Kanal mit über 120 Mitgliedern. Dort tauschen sie Fotos, Sprachnachrichten und Arztberichte aus. “Wir haben eine Dropbox voller Beweise”, sagt eine der Administratoren, die ihren Namen nicht nennt, weil sie befürchtet, dass Privatdetektive sie observieren. Die Arbeitsministerin Gloria Inés Ramírez spricht von einer “systematischen Kultur der Straflosigkeit” und kündigte eine landesweite Untersuchung bei allen großen Medienhäusern an.

Die quote juckt nicht mehr – es geht uuch ums überleben
Wer jetzt noch glaubt, das sei ein Rachefeldzug auf Kosten beliebter Moderatoren, sollte die Einschaltquoten sehen. Caracol verlor am Montag 380 000 Zuschauer gegenüber dem Vorjahresdurchschnitt. RCN rutschte auf Platz drei hinter dem Nachrichtensender Noticias Uno. Die Werbekunden ziehen erste Kampagnen zurück. Und trotzdem: In den Chefetagen heißt es, man bereue “nichts außer das jahrzehntelange Schweigen”. Denn die Frauen kommen nicht mehr zur Arbeit – sie kommen zur Anklage.
Der Sender-Chef, der mich am Dienstagmorgen ans Telefon geht, sagt mit heiserer Stimme: “Wir haben gedacht, das sei ein Einzelfall. Jetzt wissen wir: Es war die Kultur.” Er will seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. Verständlich. Denn morgen erscheint der nächste Name auf der Liste. Und der nächste.
