San marino lässt dolcenera & co. um wien-ticket pokern

Heute Nacht entscheidet der kleinste Eurovision-Partner, wer 2026 nach Wien reist – und die Italiener dominieren das Finale.

21 Acts, ein ticket: das rennen um die austria beginnt

Um 20.30 Uhr Ortszeit geht im Teatro Nuovo von Dogana die fünfte Ausgabe des San-Marino-Song-Contests über die Bühne. 21 Finalisten, davon mindestens zwölf mit italienischem Pass, stehen sich gegenüber. Dolcenera, die 2014 bereits für Italien angetreten ist, mischt erneut mit – diesmal im Auftrag einer Republik, die kaum 34.000 Einwohner zählt. Dazu Paolo Belli, der mit seiner Big-Band bei „Ballando con le Stelle“ Millionen bewegt, und Rosa Chemical, der Shooting-Star der neuen Trap-Welle. Sie alle wollen das Ticket nach Wien.

Die Regelung erlaubt es San Marino seit Jahren, internationale Künstler zu rekrutieren. Der Mikrostaat nutzt die Lücke konsequent. Produzenten buchen, Labels verhandeln, und am Ende steht eine Show, die sich mit jedem nationalen Vorentscheid messen kann. Simona Ventura, einst Gesicht von „Quelli che.“ und mittlerweile Stammgast in der Republik, führt durch den Abend. Ihre Anmoderation wird schon vorab als „quasi italisches Fernsehen“ gehandelt – ein Seitenhieb auf die RAI, die das Event via RaiPlay und Radio 2 mitüberträgt, aber kein eigenes Finale mehr ausrichtet.

Casting-marathon seit november – der sammarinese ist die wildcard

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Die Jury vergab seit dem Herbst Plätze in zwei Kategorien: zehn „Big“ und zehn „Emergenti“. Dazu gesellt sich Marco, ein einheimischer Songschreiber, dessen Titel „Shine“ erst vor einer Woche nachgebucht wurde. Insider sprechen von einer PR-Retourkutsche, nachdem Kritiker monierten, dass San Marino sich selbst auslocht. Die Antwort: ein Local Hero, der zumindest die Bürger vor Ort hinter sich vereint.

Die Abstimmung läuft hybrid: Televoting plus Jury, 50/50. Gewinner bekommt nicht nur die Austria-Reise, sondern auch ein Budget für die Wiener Produktion – geschätzt 400.000 Euro. Das hat Labels aufmerksam gemacht. Warner Music Italia ist mit zwei Acts vertreten, Sony sogar mit drei. Die Quotenlisten führen Dolcenera und Rosa Chemical gleichauf, aber ein Unentschieden wäre den Veranstaltern peinlich. Deshalb: zwei Durchgänge, Stechen im Superfinal, dann entscheidet allein das Publikum.

Der sieger fixiert das programm bis 2028

Die Regierung von San Marino hat bereits verkündet, dass der Contest bis 2028 fortgeführt wird – unabhängig vom ESC-Modus. Das kleine Land baut sich eine Event-Marke, die über die Eurovision hinaus Bestand haben soll. Ein Risiko bleibt: Wien ist teuer, und die Mikrorepublik muss sich die Teilnahmegeühr von knapp 500.000 Euro pro Jahr selbst erarbeiten. Sponsoren aus Rimini und der gesamten Romagna stehen bereit, doch bei einem Flop droht Sparmodus.

Für die Künstler ist das Finale ein Pokerspiel mit offenen Karten. Dolcenera kann ihre Comeback-Story fortsetzen, Rosa Chemical würde endgültig im Mainstream ankommen. Und Paolo Belli? Der könnte mit seiner Orchestershow die Bühnen-Veteranen in Wien alt aussehen lassen. Am Ende zählt nur einer: der, der um Mitternacht das silberne Ticket in die Höhe reißt. Die restlichen 20 Acts werden vor dem Morgengrauen zur legendären „grauen Maus“ der ESC-Geschichte – vergessen, bevor der erste Wiener Kaffee durchläuft.