Raiplay veröffentlicht alle folgen von „le libere donne“ – krieg, psychiatrie und widerstand in einem stück
Die komplette sechsteilige Historienserie „Le Libere donne“ liegt ab sofort als Box-Set auf RaiPlay – ein halbes Jahr vor der Free-TV-Ausstrahlung. Wer Lust auf einen Nachtmarathon hat, kann heute Nacht alle drei Doppelfolgen durchbingehen, statt wie geplant drei Wochen lang dienstags vor dem Fernseher zu blockieren.
Lino guanciale spielt tobino als störenfried im weißen kittel
Regisseur Michele Soavi inszeniert den Psychiater Mario Tobino nicht als heiligen Doktor, sondern als Mann, der selbst an der Grenze zur Belastung arbeitet. In der letzten Kriegswinter 1944/45 kämpft er im Irrenhaus von Maggiano gegen zwei Gegner: die Nazis draußen und das patriarchale System innen. Seine Patientinnen waren nicht krank – sie waren unbequem. Eine floh vor einem prügelnden Ehemann, landete nackt auf dem Dorfplatz und wurde daraufhin für verrückt erklärt. Tobino schreibt statt Zwangseinweisung Rezept: Menschlichkeit.
Drehorte sind Lucca und Viareggio, die Kamera atmet staubiges Toskana-Licht. Soavi lässt die Klinikflure ständig quietschen, als würde das Gebäude selbst mitkriegen, dass hier Unrecht geschieht. Die Musik verzichtet auf Pathos, dafür hämmern Maschinengewehrsalven im Off – ständige Erinnerung, dass das Lazarett nur ein paar Kilometer hinter der Front liegt.

Grace kicaj gibt margherita eine stimme, die sich weigert zu flüstern
Ihre Figur attackiert den Mann vor Gericht – und wird mit Isolationshaft bestraft. Die Szene dauert nur zwei Minuten, reicht aber, um klarzumachen: Wer in dieser Zeit Frauenrechte fordert, landet im Zwangsjackenregal. Parallel schmuggelt Paola Levi, gespielt von Gaia Messerklinger, eine jüdische Untergetaufte durch deutsche Kontrollpunkte. Die Handlung wird nicht heldenhaft überhöht, sondern bleibt auf leisen Sohlen – eine Staffette, die wegen jeder Falschnote mit dem Leben bezahlt.
Die Zahlen sprechen für sich: 1,3 Millionen Abrufe innerhalb der ersten 48 Stunden auf RaiPlay, Tendenz steigend. Das ist kein Mainstream-Hype, sondern Wort-von-Mund-Propaganda in WhatsApp-Gruppen und Fitnessstudio-Umkleiden. Die Serie liefert Gesprächsstoff für dieselben Leute, die sonst über Formel-1-Strategien oder Transfergerüchte diskutieren.
Wer jetzt denkt, Historienfernsehen sei langsam, irrt. Soavi schneidet wie ein Thriller: 45 Sekunden dauert die Nahaufnahme, in der eine Patientin ihre eigene Haarsträhne isst, weil sie Hunger hat. Danach Schnitt auf deutsche Soldaten, die Ärzte vor die Wand stellen. Die Montage schmerzt – und das ist gut so.
Endemol Shine und Rai Fiction investierten laut Branchenkreisen rund 8,5 Millionen Euro – eine Summe, die sich bereits über Streaming-Lizenzen in Spanien und Skandinavien refinanziert hat. Produzenten verhandeln gerade mit ARD und ZDF; ein deutscher Free-TV-Termin könnte schon Herbst 2026 folgen. Wenn das klappt, steht Tobinos Wutrede gegen das „Irrenhaus Gesellschaft“ auf deutsch synchronisiert im Wohnzimmer – inklusive Untertitel für Menschen, die Italienisch lernen wollen.
Bis dahin bleibt die Botschaft klar: Wer glaubt, dass Sport die einzige Arena ist, in der Menschen sich beweisen, sollte diese sechs Folgen sehen. Tobino sprintet keine 100 Meter, er rennt gegen ein System. Und gewinnt – zumindest in der Erinnerung der Zuschauer. Die Serie endet mit einem Foto des echten Mario Tobino, 1975 aufgenommen. Er lacht. Kein Siegerlächeln, eher der Blick eines Mannes, der weiß: Manchmal reicht ein einzelner Arzt, um die Welt ein Stück weniger verrückt zu machen.