Longo borghini bricht sanremo-debakel ab – letztjährige k.o.-drama wiederholt sich

Elisa Longo Borghini schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. 156 Kilometer, 300 Meter – so knapp war die Italienerin 2024 vor dem Ziel der Sanremo Women noch von der Flüchtigengruppe gestellt worden. Jetzt fehlt sie ganz. Eine nächtliche Virusattacke mit Infekt der oberen Atemwege wirft die 34-jährige Nationalspielerin der UAE-ADQ weniger als 24 Stunden vor dem Start aus dem Rennen.

Die Organisatoren reagieren mit einem Kurzschluss: Alena Amialiusik rückt nach. Die Weißrussin bildet mit Mavi Garcia, Dominika Wlodarczyk, Eleonora Gasparrini, Silvia Persico und Brodie Chapman einen neuen Sechserverbund, der die Lücke der Favoritin schließen soll. Doch die Lücke ist größer, als der Blick auf das Aufgebot vermuten lässt.

Die zitterpartie beginnt schon beim aufwärmen

Sanremo Women ist kein Rennen für schwache Nerven. Die Strecke von Genua bis zur Via Roma gleicht einem 160-Kilometer-Zuckerl: lange, beinahe lächerlich lang, bevor es in den letzten zwei Kilometern zur Explosion kommt. Genau diese Explosion hatte Longo Borghini 2024 kurz vor dem Knall verpasst. Die Bilder: Sie schlingert, schaut sich um, realisiert, dass die Spitze weg ist. Diesmal bleibt ihr nicht einmal die Chance auf Revanche.

Das Virus trat in der Nacht zum Montag in Erscheinung. Fieber, Halsschmerzen, trockener Husten – das volle Programm. Teamärzte verhängten sofort Trainingsverbot, die Lizenz für Sanremo wurde zurückgezogen. „Wir lassen keine Risiken zu, die Gesundheit geht vor“, twitterte das Team knapp, doch zwischen den Zeilen liest man den Frust. Saisonziele wie die Strade Bianche oder die Ronde van Vlaanderen rücken in weite Ferne, wenn die Rekonvaleszenz länger dauert.

Wiebes bleibt, wer fährt gegen sie?

Wiebes bleibt, wer fährt gegen sie?

Die Favoritenliste verkürzt sich auf einen Namen: Lorena Wiebes. Die Niederländerin hat 2025 schon dreimal gewonnen, ihre Sprintmaschine läuft auf Hochtouren. Ohne Longo Borghinis Druck von vorn droht der Rennverlauf eine neue Ökonomie: Keine Frühjagd der Italienerin, keine Attacke auf der Capo Berta, kein Sekundentakt, der die Sprinterinnen in Bedrängnis bringt. Stattdessen könnte die Jumbo-Trainette ab Kilometer null das Tempo diktieren und das Feld auf Hochglanz polieren – für ein Finale, das nach Kissenausfahrt aussieht.

Die Konkurrenz schielt auf Lotte Kopecky, aber die Belgierin verzichtet ebenfalls. Auch Liane Lippert und Demi Vollering sind nicht am Start. Das Feld wirkt verunsichert, die Chancenverteilung zugunsten von Wiebes ist längst keine Theorie mehr. Für die Zuschauer entlang der Via Roma bedeutet das: ein Sprint, bei dem sich die Frage nicht stellt, wer gewinnt, sondern wer überhaupt noch mitfährt.

Der countdown läuft, die lücke bleibt

Der countdown läuft, die lücke bleibt

Inzwischen haben sich die ersten Regentropfen auf den Asphalt der Ligurischen Küste gesetzt. Die Straßenbahnen von Sanremo klingen wie jeden März nach Gummi und Nervosität. Am Dienstag um 10:30 Uhr fällt der Startschuss in Genua. Für Elisa Longo Borghini bleibt nur das Sofa und die Gewissheit, dass 300 Meter manchmal eine halbe Ewigkeit sind.

Der Rest des Feldes tröstet sich mit einem Trostpflaster: In zwei Wochen folgt die Strade Bianche. Dort ist die Toskana härter, der Staub rauer, die Rechnung offen. Vielleicht klappt’s ja dann mit der Revanche – und mit dem ersten großen Sieg der Saison.