Ultras-heimspiel in ahlen: pyro, eisenstange, platzsturm – der fußball rast aus dem raster
Was in Ahlen geschah, war keine Randale mehr – es war ein Straßenkampf. Im Schatten eines Oberligakickes eskalierte Gewalt so offen, dass selbst erfahrene Beamte von „einer neuen Qualität“ sprechen. 90 Minuten lang flogen Bengalos und Böller, dann flogen Steine – und ein Schiedsrichter warf den Riegel vor dem Spielstand 1:3.
Pyrotechnik als startsignal: die minute 73, als der funken sprang
Die Partie Rot-Weiß Ahlen gegen Wattenscheid 09 war bis dahin nur ein schmuckes Fußball-Drama. Doch in der 73. Minute zogen Ultras beider Seiten die Lunte aus dem Ärmel. Rote Feuerwände schlugen hoch, weißer Rauch trübte die Sicht, der Schiri unterbrach zweimal. Als nach dem zweiten Abpfiff ein Bengalos an der Seitenlinie explodierte, war die Eskalation nur noch Formsache. Der Referee beendete das Spiel – und öffnete damit das Tor zur Hölle.
Was folgte, war kein spontaner Ausraster, sondern eine choreografierte Attacke. Etwa 70 Ahlener Randalierer stürmten den Platz, jagten Ordner und Kamerateams, rissen Tore aus den Angeln. Die Gästefans waren bereits in ihren Bussen, als die erste WhatsApp-Gruppe „Mammutpark“ postete. Ziel: die Polizeiabsperrung am Bahnhof.

Von zwolle nach ahlen: die internationale randal-logistik
Beamte berichten von einem kleinen Konvoi mit niederländischem Kennzeichen, der kurz vor Schlusspfiff in die Kurt-Schumacher-Straße einbog. Fahrgäste: Ultras aus Zwolle, bekannt für ihre Rivalität zu Wattenscheid. In Minutenschnitt entlud sich ein Arsenal: Eisenstangen, Flaschen, Pyrotechnik aus dem Baltikum – alles lag bereit. Ein Polizist erlitt eine Platzwunde an der Schulter, als eine Stange gegen seinen Helm krachte. Die Hinterhand: drei Festnahmen, alle mit Haftbefehl wegen schwerer Körperverletzung.
Die Taktik war simpel, aber effektiv: Splittergruppen zogen sich zum Mammutpark zurück, sammelten Steine aus dem Gleisbett und warfen sie auf Streifenwagen. Ein Zug der Nordwestbahn musste notbremsen, weit über 100 Reisende saßen eine Stunde im Tunnel fest. Die Polizei musste sich zwischen Gewaltschutz und Gästeschutz entscheiden – und schützte letztlich Wattenscheider Anhänger, die zufällig am Bahnhof umsteigen wollten.

3 Festnahmen, 15 ermittlungsverfahren – und ein dammbruch in der oberliga
Die Bilanz klingt nach Kleingärten: drei vorläufig Festgenommene, 15 Ermittlungsverfahren wegen Landfriedensbruch, gefährlicher Körperverletzung und Verstoß gegen das Sprengstoffgesetz. Doch die Zahlen täuschen. Innenminister Herbert Reul spricht von „einer neuen Eskalationsstufe im Amateurbereich“. Denn: Erstmals seit Jahren mischten sich international vernetzte Hooligans in eine Oberliga-Partie. Der Verdacht: Die Aktion war nicht nur spontan, sondern mindestens eine Woche über soziale Medien abgestimmt.
Rot-Weiß Ahlen droht nun ein Geisterspiel – und möglicherweise der Lizenzentzug. Der Westdeutsche Fußball-Verband leitete ein Disciplinarverfahren ein, die Staatsanwalt Münster sicherte Handydaten. Die Gäste aus Wattenscheid reisten unter Polizeibegleung ab, die Heimmannschaft verbarrikadierte sich im Vereinsheim. Am Tivoli bleibt nur ein Geruch: verbrannter Kunstrasen und Pfefferspray.
Der Fußball in der fünften Liga war schon lange kein Kindergeburtstag mehr – seit Samstag ist er ein Pulverfass, dessen Zündschnur in den Niederlanden lag. Die nächste Partie fällt aus, die Kasse ist leer, und die Fans fragen sich: Wenn schon Ahlen eskaliert, was passiert dann erst im Pokal der Regionalliga? Die Antwort liegt auf dem Mammutpark: ein rostiges Tor, zerbrochene Flaschen – und ein Polizeihund, der noch Stunden später nach Benzin schnüffelt.
