Ukraine wirft ipc zensur vor: fahnenverbot, ohrring-kontrolle, stumme proteste
Mailand/Cortina – Die Paralympics sind eigentlich Fest der Vielfalt. Hier aber flattert keine blau-gelbe Fahne, Oleksandra Kononowa musste ihre Ohrringe ablegen, und ein Familienmitglied von Taras Rad wurde auf der Tribüne entflaggt. Das ukrainische Nationale Paralympische Komitee (NPC) spricht von systematischem Druck, das IPC von überraschenden Medienvorwürfen.
Der vorwurf: regelwerk als waffe gegen patriotismus
Die Ukraine liefert keine Nebenkriegsschau, sie liefert Zahlen: zwölf konkrete Vorfälle, zwei abgenommene Fahnen, ein Paar Ohrringe mit «Stop War»-Schriftzug. Laut NPC erklärten Mitarbeiter von IPC und Organisationskomitee OCOG ukrainische Teamabende für «unzulässig» und entfernten Nationalfarben aus dem Paralympischen Dorf. Kononowa trug die Ohrringe während des Rennens, Gold um den Hals, politische Botschaft am Ohr. Sekunden vor der Siegerehrung forderte ein Funktionär den Abnehmer – «höflich», wie das IPC betont. Die Athletin willigte ein, die Bilder gingen trotzdem um die Welt.
Das IPC kontert mit Protokoll-Orthodoxie. Man habe Regel 1.6 des «IPC Handbook» vorgelegt: keine politischen Symbole auf Podien. Die Ukraine habe weder bei Chef-de-Mission-Runden noch via offizieller Kanäle protestiert, heißt es. Stattdessen kam der Ruf zur Presse. «Verständnis für die Situation des ukrainischen Volkes» gebe es durchaus, aber «Verständnis rechtfertigt keine Regelverletzung». Die Verbände seien vorab informiert worden, wer gegen Paragrafen verstoße, müsse mit Einschreiten rechnen.

Die stunde des schweigens
Das Problem der Glaubwürdigkeit: Die Ukraine schweigt in offiziellen Runden, schreit aber in der Öffentlichkeit. Das IPC schweigt zu Details, zitiert aber Paragrafen. Dazwischen stehen Athleten, die zwischen Gold und Heimweh balancieren. Kononowa trug nach der Zeremonie wieder die Ohrringe – diesmal im Mixed Zone-Interview, wo IPC-Kameras nicht filmen. Taras Rad fuhr später mit Fahne um die Schulter durch die Zielgerade – strafrechtlich unbedenklich, medial wirksam.
Die Spiele gehen weiter, die Medaillen werden verteilt, doch die Fahnenstille bleibt. Für Zuschauer ist jede verschwundene Flagge ein Symbol dafür, dass politische Neutralität auf dem Papier endet, wo Menschenrechte beginnen. Für das IPC ist jede durchgesetzte Regel ein Sieg über parteipolitische Eskalation. Beide Seiten behaupten, die Integrität der Sportler zu schützen. Am Ende zählt nur, wer die Nervostatik der Öffentlichkeit beherrscht – und das ist momentan die Bilderflut ukrainischer Proteste, nicht das Regelwerk im PDF-Format.
Die Paralympics 2026 stehen schon in der Planung; das nächste Kapitel «Politik vs. Regelwerk» ist nur einen Winter entfernt. Bis dahin bleibt Kononowas Gold ungeschmälert – nur ihre Ohrringe liegen in einem verschlossenen Umschlag im Büro des IPC. Dort wartet ein Stück Stoff und ein Paar kleine Schriftzüge darauf, Geschichte zu werden – oder eben nur stillzuhalten.
