Tuchel zerlegt jablonski: „ich dachte, der var war kaputt“
Thomas Tuchel hat nach dem 1:1 gegen Uruguay den Schiedsrichter öffentlich auseinandergenommen – und sich dabei selbst in eine Ecke gestellt, aus der es kein zurück gibt. „Ich habe nicht mit Sven Jablonski gesprochen, ich will es auch nicht“, sagte Englands Nationaltrainer mit eisiger Stimme. Die Wembley-Nacht endete für den 52-Jährigen mit zwei verletzten Stars, einem späten Gegentreffer und dem Gefühl, betrogen worden zu sein.
Elfmeter in der 94. minute – und ein var, der plötzlich doch funktionierte
Die Szene, die Tuchel zur Zerreißprobe wurde: Ben White streckt im Strafraum die Hand aus, Uruguay-Stürmer Fernando Gorriarán geht locker zu Boden. Jablonski winkt zunächst ab, der VAR greift ein – und der Pfiff kommt doch noch. Fede Valverde verwandelt in der 90.+4, Wembley verstummt. Tuchel: „Natürlich gibt es Kontakt, aber es ist so offensichtlich, was der Stürmer versucht.“ Der Vorwurf: Schwalbe statt Strafstoß.
Doch das war nur die Spitze. Phil Foden flog nach einem Grätschfoul von Ronald Araújo mit offener Sohle am Knöchel raus, Noni Madueke musste nach einem Kopfduell mit Rodrigo Aguirre benommen vom Feld getragen werden. Keine gelbe Karte, kein VAR-Check. „Ich dachte, der VAR funktioniert heute nicht“, sagte Tuchel mit schneidender Stimme. „Dann wird plötzlich doch geprüft – und nur, weil es um einen Elfmeter geht.“

Tuchel stellt sich selbst bloß – und schadet seiner mannschaft
Der Coach überschritt dabei eine Linie, die selbst in der hitzigen WM-Phase selten gerissen wird: Er stellte die Integrität des Schiedsrichters infrage. Dass Jablonski laut Tuchel „einen schlechten Tag im Büro“ hatte, mag stimmen. Doch wer sich öffentlich weigert, mit dem Unparteiischen auch nur zu sprechen, schadet letztlich seinem eigenen Team. Die FIFA nimmt solche Attacken auf die Offiziellen nicht auf die leichte Schulter – und die Spieler spüren, dass ihr Trainer sich auf eine persönliche Schiene verirrt hat.
Die Zahlen sprechen für sich: zehn Fouls an englischen Spielern, die nicht mit Karten geahndet wurden, vier Mal ließ Jablonsi Vorteil laufen, obwohl der Ball längst weg war. Dennoch: England hatte 72 Prozent Ballbesitz und kam trotz Unterzahl nach zwei Verletzungen noch zu 17 Torschüssen. Das 1:0 durch White war kein Zufall – das 1:1 aber auch nicht.

Der preis der wut: zwei ausfälle und ein gruppensieg in gefahr
Foden laboriert an einer Kapselverletzung im Sprunggelenk, Madueke wurde zur Vorsicht ins Krankenhaus gebracht. Beide fallen für das letzte Gruppenspiel gegen Marokko aus. Tuchel muss nun mit Cole Palmer und Anthony Gordon planen – zwei Spieler, die bisher zusammen 34 Minuten WM-Erfahrung haben. Die Gruppenführung rutscht aus dem Blick, ein Achtelfinale gegen Frankreich droht.
Die FA wird intern prüfen, ob Tuchels Krawall eine Bestrafung nach sich zieht. Die FIFA-Kommission für Fairplay hat bereits ein Aktenzeichen eröffnet. Sollte der Verband seine Rhetorik dämpfen, steht der Coach vor dem nächsten Dilemma: Entschuldigung und Gesichtsverlust – oder weitere Angriffe und möglicherweise Sperre.
Wembley verstummte nach dem Schlusspfiff, doch das Echo wird nachhallen. Tuchel hat seine Mannschaft in eine Opferrolle gedrängt – und sich selbst in eine, aus der er sich nur schwer befreien kann. Die WM ist kein Schiedsrichter-Klassenzimmer, sondern ein Kampf um Millimeter. Wer hier nur nach Schuldigen sucht, verliert am Ende mehr als zwei Punkte.
