Tomasson analysiert: so taktieren die weltmeister – und seine erinnerungen an milan!
Miami – Jon Dahl Tomasson, einst gefürchteter Stürmer und heute angesehene taktische Beobachter im Kreis der FIFA, hat sich der Analyse der aktuellen Weltmeisterschaft angenommen. In einem exklusiven Gespräch offenbarte der Däne, der aktuell im Technical Study Group der FIFA tätig ist, aufschlussreiche Details über Trends und Strategien, die er auf dem WM-Parkett beobachtet. Doch neben dem Blick auf die Gegenwart ließ er auch Erinnerungen an seine glorreiche Zeit beim AC Milan aufleben, wo er einst Teil einer Mannschaft war, die den Weltfußball dominierte.
Die taktik der kleinen teams: ein tief stehender block
Tomasson sieht einen klaren Trend: „Kleine Mannschaften setzen vermehrt auf einen tief stehenden Block. Das bedeutet, sie versuchen, den Gegner vor sich her zu schieben und im eigenen Strafraum zu verteidigen.“ Die Herausforderung für die Top-Teams besteht darin, diese dicht gepackten Defensiven zu knacken. „Man muss schnell spielen und Spieler haben, die in der Lage sind, vertikale Pässe zu spielen. Im letzten Drittel geht es vor allem über die Flügel, mit Dribblings, Kombinationen oder schnellen Pässen.“ Das Querpassen, so Tomasson, führe zu „langweiligen Spielen“ und bringe keine Fortschritte.
Er betont auch die Bedeutung des schnellen Gegenpressing: „Die dominierenden Mannschaften wollen den Ball sofort zurückgewinnen, nachdem sie ihn verloren haben.“ Zudem hob er die gute Arbeit der europäischen Teams bei Standardsituationen hervor. Als Favoriten für den WM-Titel nannte er Frankreich, Spanien, Argentinien, England und Brasilien. „Überraschen könnte die Niederlande“, fügte er hinzu.

Der klassische zehner: eine aussterbende spezies
Die Zeiten des klassischen „Zehners“ sind vorbei, so Tomasson. „Wer heute zwischen den Linien spielt, muss technisch versiert sein und die Fähigkeit besitzen, hinter die Abwehr zu laufen. Das machen die alten Zehner nicht.“ Er sieht Harry Kane als den modernen „Zehner“ Englands und hebt auch die Vorliebe von Kai Havertz für diese Position hervor.

Die erinnerungen an milan: eine familie, die den weltfußball beherrschte
Bei der Frage nach dem AC Milan, bei dem er in den 2000er Jahren spielte, schwärmte Tomasson: „Es ist traurig, Milan nicht in der Champions League zu sehen. Wir hatten Maldini, Nesta, Stam, Cafu, Costacurta, Pirlo, Gattuso, Ambrosio, Seedorf, Kaká, Rui Costa, Rivaldo, Sheva, Crespo, Inzaghi… Wir hatten Charakter, wir kämpften und waren die Besten der Welt. Das ist heute nicht mehr so.“ Er beschreibt die Mannschaft als eine „Familie“ mit der „Mentalität, die beste Mannschaft der Welt zu sein.“
Als den besten Stürmer des Mailänder Teams aller Zeiten nannte er Marco van Basten, gefolgt von Ibrahimovic und Weah. Seine letzte Erinnerung an San Siro ist ein bitterer Moment: „Ein Jahr und halb her, gegen Feyenoord. Die Rote Karte von Theo Hernandez hat alles entschieden.“ Aktuell sieht er die Herausforderung für Milan darin, „zurück an den Platz zu gehören, an dem sie hingehören.“
Tomasson zeigte sich skeptisch hinsichtlich der Geduld im modernen Fußball: „Amorim hat in Portugal sehr gute Arbeit geleistet, aber es gibt ein Problem: Im Fußball hat niemand mehr Geduld.“
Die Erkenntnis des Dänen ist klar: Taktische Flexibilität, schnelle Umschaltmomente und ein unbändiger Siegeswille sind die Schlüssel zum Erfolg auf höchstem Niveau. Und manchmal, so scheint es, braucht es einfach nur eine Prise der alten Mailänder Mentalität.
