Stöger ballert gladbach ins derby: traumtor eröffnet köln-kanal

Kevin Stöger zirkelte den Ball aus 25 Metern in den Winkel, Borussia-Park bebte, und auf den Rängen schon hallte der Köln-Song. Der 2:0-Erfolg über St. Pauli war am Sonntagabend noch nicht abgepfiffen, da hatte sich ganz Mönchengladbach schon auf Samstag, 15:30 Uhr, verständigt: 100. Bundesliga-Duell gegen den 1. FC Köln, beide Klappe auf 30 Punkte, beide noch tief im Sumpf. Die Bude von Stöger war schön, die Bedeutung ist brutaler.

Polanski spürt den pulsschlag

Eugen Polanski, 39, eigentlich ein Ruhepol, gab sich nach dem Spiel wie ein Fanboy: „In der 86. Minute habe ich nur noch daran gedacht, wie schön es ist, diesen Leuten ein Lächeln zu schenken.“ Die Kurve hatte zwischenzeitlich „Wir müssen nach Köln“ intoniert, ein Ohrwurm, der in diesen Tagen jede Trainingseinheit an der Hinterberger Straße begleitet. Sportchef Rouven Schröder spricht offen von „eingepeitscht“ – ein Wort, das man sonst eher nach Pokal-Knallern hört. Die Tabelle erlaubt kein Durchatmen, aber das Derby bietet eine Atempause mit Richtung.

Die Zahlen sind schnell runtergebetet: vier Punkte Vorsprung auf Relegationsrang 16, acht Spiele noch, drei Siege dürften reichen. Doch in Gladbach zählt nur noch ein einziger Termin. Schon im Hinspiel setzte die Borussia die Kollegen vom Rhein mit 3:1 vor die Klinke, seit 2019/20 gelang kein Derby-Doppel mehr. Das wäre nicht nur ein Schlag auf dem Platz, sondern ein Sechs-Punkte-Schachzug im Abstiegskampf. „Wir wollen gar nicht rechnen. Wir wollen das Derby gewinnen“, sagt Schröder und klingt dabei wie jemand, der genau ausgerechnet hat, was ein Sieg wert ist.

Stöger zieht den kopf aus der schlinge

Stöger zieht den kopf aus der schlinge

Kevin Stöger hatte die Woche vorher auf dem Trainingsgelände am Fohlenwerd jeden dritten Freistoß in die Wiese gedroschen. Gegen St. Pauli ließ er stattdessen den Ball tanzen, sein Treffer war bereits vor dem Absprung beschlossene Sache. „Ich habe an mich geglaubt und mir vertraut“, sagt er, als hätte er das Skript geschrieben. Mit seinem zweiten Saisontor kaufte er sich Freiraum für den Klub und Selbstvertrauen für sich. Franck Honorats 2:0 war nur noch Makulatur, aber eben auch Makulatur mit Punkten.

Die Mannschaft reiste direkt nach Abpfiff nicht in den Feierkeller, sondern in die Video-Kabine. Köln-Analysten hatten schon vor Wochen begonnen, die Krisen-Profile der Domstädter zu aktualisieren. Polanski bestätigt interne Arbeitsspaziergänge: „Jeder weiß, was auf uns zukommt.“ Die Fans wissen es auch. Die Tickets für die Müngersdorfer Südkurve sind längst vergriffen, 50.000 erwarten ein Spektakel, das nicht einfach nur drei Punkte zählt, sondern die Saison entweder auf 39 oder auf 33 Punkte schraubt.

Die Ironie: Köln wie Gladbach würden mit einem Unentschieden am Ende vielleicht beide jammern. Ein Sieg aber würde einen Club in die relative Sicherheit katapultieren und den anderen in die Endlosschleife aus Relegations-Angst und Montagsspielen schicken. Die Bude von Stöger war der erste Akt, das echte Drama folgt am Rhein. Und Polanski kennt das Skript: „Am Ende bin auch ich nur ein Fan dieses Klubs – mit dem Unterschied, dass ich die Elf aufstelle.“