Stefan fischer: bayern stürmt ins halbfinale – doch madrid blutet

2:1 im Bernabéu, Tür zum Halbfinale weit offen – und trotzdem bleibt der Geschmack von Schweiß, Tränengas und Eisen. Während Harry Kane und Jamal Musiala die Königlichen an die Wand spielten, prügelte die spanische Policía am Stadioneingang ihre eigenen Fans nieder. Ein Video, das mich noch immer wach sein lässt: Bayern-Anhänger, hinter Gittern eingekesselt, kriegen Knüppel gegen die Rippen, ein Mann hält sich die blutende Schläfe, neben ihm brüllt ein Beamter „¡Quietos!“. Grund: offenbar keiner.

Jan-christian dreesen poltert gegen „völlig überzogene übergriffe“

Bayern-Vorstandschef Jan-Christian Dreesen schickt noch in der Nacht eine Pressemitteilung raus, die klingt, als hätte jemand die Caps-Taste durchgebissen: „Diese Eskalation gegen friedliche Fans ist nicht mehr nur ein Fehlverhalten – sie ist ein Muster.“ Er spricht von „wunderbarer Champions-League-Nacht“ und „Schande auf europäischer Bühne“ in einem Atemzug. Recht hat er. Seit November lastet ein Gerichtsverfahren auf dem Schreibtisch der Münchener, weil Paris’ Präfektur Auswärtsbusse an einer dreckigen Autobahnraststätte kettete – ohne Toiletten, ohne Wasser, mit Hundestaffel statt Steward. Madrid wirft nun das nächste Kapitel auf den Stapel.

Was die Videos nicht zeigen: die Minuten davor. Polizeiangaben sprechen von „provozierenden Gesten“ und „Pyrotechnik“. Doch weder auf den Clips von ‚El Desmarque‘ noch auf denen, die unsere Redaktion aus dem Block 410 erhalten hat, ist Rauch oder eine bengalische Fackel zu sehen. Stattdessen: ein Mann in Lederhosen, der einen Thomas-Müller-Schal hochhält und plötzlich mit dem Schädel gegen eine Plexiglaswand gedrückt wird. Die Blutspur läuft in den Kragen. Die Reaktion der Beamten: ein Schild „Orden Público“ wird vor die Kamera gehalten – Bildausschnitt gesperrt.

Uefa schweigt, dfb ermittlicht – doch die gewaltkette reißt nicht ab

Uefa schweigt, dfb ermittlicht – doch die gewaltkette reißt nicht ab

Warum das jeden Fan angeht? Weil sich die Eskalationsskala inzwischen geometrisch nach oben schraubt. Laut der Fan- und Menschenrechtsorganisation ‚Football Supporters Europe‘ wurden 2023 allein in Champions-League-Auswärtsspielen 473 Anzeigen wegen „übermäßiger polizeilicher Gewalt“ erstattet – 37 Prozent mehr als 2019. Die UEFA reagiert mit Schweigen, die nationale Justiz mit Verfahren, die sich über Jahre ziehen. Die Betroffenen stehen mit blutenden Köpfen vor leeren Versprechen.

Bayern plant nun gemeinsam mit der Münchner Anwaltskanzlei Prof. G. Schließer eine Strafanzeige wegen gefährlicher Körperverletzung im Amt – mehr kann der Klub rechtlich nicht tun, denn spanisches Staatsrecht blockiert Zivilklagen von Ausländern gegen Polizeikräfte. Pech für die Fans, Pech für den Ruf des Fußballs.

Am Dienstag fliegt die Mannschaft zurück nach München, die drei Punkte sicher verstaut. Die mitgereisten 4.200 Anhänger aber holen sich ihre Gepäckbänder am Karlsplatz ab und wissen: Das nächste Auswärtsspiel kommt bestimmt – und die Knüppel vermutlich mit. Solange die UEFA weiterhin nur für Pyro in der Kurve, nicht aber für Blut auf dem Asphalt Bußgelder kassiert, bleibt Madrid nur die erste Station einer Tour, die niemand buchen wollte.