Zverev am rande des abgrunds – und doch stärker als je zuvor?
Paris – Alexander Zverev steht im Finale der French Open, einem Grand-Slam-Finale, das für ihn mehr als nur ein Titelgewinn bedeutet. Nach dem hart erkämpften Halbfinalsieg gegen Jakub Mensik offenbarte der gebürtige Hamburger eine Schwäche beim zweiten Aufschlag, die ihn in der Vergangenheit schon einmal den sicheren Sieg kostet. Doch diesmal scheint etwas anders zu sein – eine neue Reife, ein neuer Glaube an die eigene Stärke.
Die mentale hürde: vom scheitern zum selbstvertrauen
Zverev sprach offen über die Dämonen, die ihn in der Vergangenheit heimgesucht haben, insbesondere das verlorene Finale der US Open 2020 gegen Dominic Thiem. „Genau zu dieser Zeit hatte ich echte Probleme. Ich wusste, dass mein Aufschlag jeden Moment versagen konnte. Das ist ein Unterschied, den ich jetzt spüre – zum Glück für mich“, erklärte der 29-Jährige. Diese Erkenntnis scheint ihm nun zu helfen, den Druck besser zu kontrollieren und seine Leistung zu stabilisieren. Der Satzverlust gegen Mensik, den er mit 3:6 überstand, zeugt von seiner mentalen Stärke und seiner Fähigkeit, auch in schwierigen Situationen das Ruder herumzureißen.
Die Analyse seines zweiten Aufschlags im Halbfinale durch Eurosport-Experten unterstreicht die deutliche Verbesserung. Über 60 Prozent der Punkte nach dem zweiten Aufschlag zu gewinnen, ist ein Beweis für die harte Arbeit und die gezielte Verbesserung in diesem Bereich. „Wenn ich da stehe, entscheide ich, was ich machen will, und mache ich es“, so Zverev mit einem Hauch von Selbstsicherheit.

Cobolli im finale – eine vertraute bekanntschaft
Der Gegner im Finale, Flavio Cobolli, ist Zverev bestens vertraut. Die beiden lernten sich beim Laver Cup 2024 in Berlin kennen. „Er ist ein netter Mensch und hat ein gutes Herz. Er ist unglaublich witzig, wenn man ihn erst einmal besser kennt“, schilderte Zverev die gute Beziehung zu seinem italienischen Kontrahenten. Auch das Verhältnis zu Cobollis Vater, der ihn regelmäßig unterstützt, ist von gegenseitigem Respekt geprägt. „Wenn es manchmal schwierige Momente gab, kam sein Vater zu mir und stellte mir Fragen. Er stellte auch meinem Vater Fragen über Tennis und über verschiedene andere Dinge“, beschrieb Zverev.
Dass Cobolli kampflos ins Finale einzog, nachdem Matteo Arnaldi kurzfristig absagen musste, belässt Zverev unberührt. „Ich glaube nicht, dass das am Sonntag einen großen Unterschied machen wird“, meinte der Weltranglistendritte. Seine Konzentration gilt ausschließlich seiner eigenen Leistung. Der Schock um Arnaldis Absage, besonders nachdem er nach der Partie angeblich „ab 1 Uhr nachts übergeben“ musste, überschattet das Finale kaum. Zverev fühlte mit dem Pechvogel, betonte aber, dass er sich voll auf sein eigenes Spiel fokussieren müsse. “Das Einzige, das ich beeinflussen kann, ist, dass ich gutes Tennis spiele.”
Die Partie gegen Cobolli wird zweifellos ein anspruchsvolles Duell. Doch Zverev scheint bereit zu sein, diesen Schritt zu gehen und endlich den so lange ersehnten ersten Grand-Slam-Titel zu gewinnen. Ein Sieg am Sonntag wäre nicht nur ein Triumph für den Athleten, sondern auch ein Beweis für seine persönliche Entwicklung und seine Fähigkeit, aus Fehlern zu lernen. Die Reise des „Bergsteigers auf einem 8000er“, wie ihn die Presse nennt, könnte bald ein glorreiches Ziel erreichen.
