Wolff rettet thw kiel mit 17 paraden: viertelfinale klar, aber fragen offen
Andreas Wolff trug den THW Kiel am Donnerstagabend buchstäblich auf seinen Handschuhen. 17 Schüsse wehrte der Nationalkeeper ab, zwei Siebenmeter riss er heraus, und plötzlich stand da ein 27:20 gegen Irudek Bidasoa Irun, der zähneknirschende Arbeitssieg, der die Zebras doch noch ins Viertelfinale der EHF European League schoss. Die Arena atmete tief durch – und dann war da doch dieses Gefühl: So richtig laut konnte sich niemand freuen.
Petter överby: „wir wollten mit einem angriff drei tore erzielen“
Die Zahlen sind eindeutig, die Stimmung verhalten. 11:8 zur Pause, ein Vorsprung, der an diesem Abend wie ein Minusgeschäft roch. „Wir haben uns schwer getan“, sagte Kreisläufer Petter Överby und kratzte sich fast schon zerzaust den Bart. „Im Positionsangriff fehlte die Geduld.“ Statt Kreise zu ziehen, ballerte sich Kiel die Nervosität an die Latte. Jicha sah es genau so: „Nicht zufrieden mit der ersten Hälfte.“
Der Grund liegt tiefer. Die Spanier um Ex-Kieler Alex Dujshebaev spielten mit dem Messer zwischen den Zähnen, zwangen Kiel zu frühen Abschlüssen, blockten die Mitteldecke, schalteten schneller um, als die Deckung umbauen konnte. Nikola Bilyk gestikulierte wild: „Mental waren wir nicht bereit.“ Eine Selbstanklage, die fast schon wehtut.

Flensburgs patzer rettet kiel die nacht
Dann kam Andreas Wolff. Ein Fels. Drei Gegenstöße in Folge abgeblockt, ein Kreisläufer-Wurf mit dem Fuß weggestemmt, ein Siebenmeter-Spektakel gegen Rodriguez. „On fire“, nannte es Jicha und wusste: Ohne diese Parade-Serie wäre das Viertelfinale ein frommer Wunsch geblieben. Die Statistik zeigt 42 Prozent Fangquote – ein Wert, der normalerweise nur in Videospielen vorkommt.
Die Wendung des Abends lieferte aber Flensburg. Die SG verlor 26:29 in Montpellier, rutschte auf Platz drei und schenkte Kiel durch den besseren Direktvergleich den Gruppensieg. Die Kabine der Zebras war schon gedämpft, als das Smartphone von Co-Trainer Christian Zeitz plötzlich das Update spuckte. Jubel? Fehlanzeige. Stattdessen ein Nicken, ein Schulterklopfen, ein schnelles Duschen. Arbeitssieg bleibt Arbeitssieg.

Nordderby vor der tür – und warum es trotzdem brennt
Am Montag kommt Flensburg nach Kiel, am Samstag danach reisen die Zebras in den Norden. Beide Spiele zählen für die Bundesliga, beide haben mit der European League erst einmal nichts zu tun. Doch der Druck steigt. Denn wer wie in der ersten Hälfte in Irun 30 Minuten lang nur 50 Prozent offensives Tempo spielt, wird gegen die SG regelrecht auseinander genommen. Jicha spricht es offen aus: „Wir müssen die Schalter umlegen, sonst wird das nichts mit dem Titel.“
Die gute Nachricht: Mit Domagoj Duvnjak und Sander Sagosen kehren zwei Dirigenten zurück, die Kiel in der Rückrunde Rhythmus geben können. Die schlechte: Die Verletzungsliste um Henrik Pekeler und Pavel Atman bleibt lang. Und genau hier liegt die eigentliche Hausaufgabe. Nicht das Viertelfinale ist das Ziel, sondern die Frage, wie lange sich Kiel auf einen einzelnen Keeper verlassen will, der an guten Tagen die Welt pariert – an schlechten aber allein steht.
Die Arena wird wieder rot-weiß glühen, wenn die K.o.-Phase losgeht. Wolff wird wieder stehen, die Fangquote wird wieder gepriesen. Doch bis dahen hat Kiel genau 14 Tage, um die Geduld zurückzuholen, die in Irun verloren ging. Die Uhr tickt. Der Ball ist rund. Und der THW weiß: Ohne die erste Halbzeit wäre die zweite Hälfte dieses Europapokal-Weges schon vorbei gewesen.
