Wirtz zaubert deutschland zum sieg: 4:3 in der schweiz, aber die abwehr wackelt
Florian Wirtz schoss die DFB-Elf mit zwei Traumtoren und zwei Assists zum 4:3-Sieg in der Schweiz – und Julian Nagelsmann zur nächsten Verteidigungs-Panne. 79 Tage vor der WM in Nordamerika glänzte das Offensiv-Tempo, hinten rissen die alten Risse wieder auf.
Die magie von wirtz überstrahlt die baustellen
Basel, St. Jakob-Park, 22:38 Uhr. Der Ball zischt aus 22 Metern in den linken Winkel, Gregor Kobel fliegt, vergebens. Wirtz dreht sich kaum zum Publikum, seine Arme weit, das Lächeln des Königs. Es ist sein zweiter Geniestreich an diesem Abend, der den Sieg besiegelt – und es ist das Signal, das Nagelsmann sich von seinem „Einspiel-Kader“ erhofft hatte.
Doch der Bundestrainer atmet nicht auf, er rechnet. Gegen den Nachbarn kassierte seine neue Abwehr-Kette innerhalb von 17 Minuten den ersten Gegentreffer – wie schon beim EM-Duell 2024. Dan Ndoye nutzte einen Fehlpass von Nico Schlotterbeck, Joshua Kimmich hatte den Raum verlassen, Angelo Stiller kam zu spät. Die beruhigte Viertelstunde danach? Ein Standard. Wirtz flankte, Jonathan Tah stieg höher als Fabian Schär, 1:1. Die Schweiz antwortete postwendend: erneut Schlotterbeck zu unpräzise, Silvan Widmer flankte, Breel Embolo köpfte unbedrängt. 1:2. Die deutsche Formation, die Nagelsmann als Turnier-stabil apostrophiert, wirkte wie ein Prototyp mit Software-Fehler.
Erst Wirtz rettete die Halbzeit. Ein Pass in die Drehung, Serge Gnabry vollstreckt. 2:2. Die Sequenz dauerte 4,2 Sekunden, sie war so schnell, dass Joachim Löw auf der Tribüne gar nicht mehr rechtzeitig zur Kamera blickte.

Nagelsmanns karte: maximal drei änderungen bis houston
Der Plan ist kristallklar: Die Startelf von Basel soll am 19. Juni in Houston gegen Curaçao auflaufen – mit zwei, maximal drei Korrekturen. Jamal Musiala und Aleksandar Pavlovic fehlen derzeit, deshalb durfte Stiller neben Leon Goretzka den Sechser geben. Gnabry übernahm Musialas Zehner-Part, Leroy Sané rückt nach außen. Das System bleibt 4-2-3-1, die Automatismen sollen sitzen. Doch wer hinten die Spreu vom Weizen trennt, bleibt offen. Schlotterbeck patzte zweimal, Tah verlor Embolo aus den Augen, David Raum half nicht eng genug. Die Statistik: drei Gegentore aus fünf gefährlichen Aktionen der Schweiz. Effizienz 60 Prozent – für ein Turnier zu brisant.
Offensiv dagegen lief es. Das Gegenpressing erzwang vier Ballgewinne in der gegnerischen Hälfte, Wirtz und Sané kombinierten sich in Szene, Havertz scheiterte zweimal an Kobel. Die Führung fiel durch einen erneut schnell ausgeführten Eckball, Wirtz bediente Gnabry, der eiskalt vollendete. 3:2. Basel tobte, die Schweiz wechselte kräftig durch – und traf durch Joel Monteiro erneut. 3:3. Die deutsche Defensive stand erneut zu weit auseinander, Monteiro schob aus 13 Metern ein.
Die Antwort? Wieder Wirtz. 86. Minute, halblinks, keine Anlaufphase. Der Ball schlägt genau dort ein, wo die Torlinie die Stange trifft. 4:3. Endstand. Die Uhr zeigt 90+4, Nagelsmann pumpt die Faust – und notiert sich auf dem Block ein dickes Ausrufezeichen neben dem Namen Schlotterbeck.

Die botschaft: magie vorne, maurerarbeit hinten
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Wirtz steuerte vier Torbeteiligungen bei, so viele wie die gesamte Schweizer Offensive zusammen. Deutschland erzielte vier Tore aus einem erwarteten Torschusswert (xG) von 2,1 – ein Indiz für individuelle Klasse, nicht für systemische Sicherheit. Die Defensive kassierte drei Gegentore bei einem xGA von 1,4. Die Differenz: fast zwei Tore zu viel. „Wir haben die richtige Energie“, sagte Nagelsmann, „aber die falsche Räumlichkeit.“
Die WM rückt näher. In 79 Tagen trifft Deutschland in Houston auf Curaçao, dann folgen Japan und Senegal. Die Gruppe ist machbar, der Weg zur K.o.-Runde kurz. Doch wer gegen Ndoye, Embolo und Monteiro drei Gegentore kassiert, dem wird Keito Nakamura oder Sadio Mané nicht gnädig sein. Die Lösung? Ein fitnessgerechter Niklas Süle, ein konzentrierter Schlotterbeck – oder doch ein Systemwechsel. Nagelsmann hat noch zwei Freundschaftsspiele, um die Antwort zu finden.
Basel lieferte den Beweis: Magie siegt über Makel – aber nur, wenn sie jeden Abend aufs Neue zündet. Wirtz kann das. Die Abwehr muss es erst noch lernen. Sonst endet die WM-Mission nicht mit Gold, sondern mit offenen Rissen.
