Wirtz brilliert, musiala liegt im reha-zimmer: wm-duo droht zu platzen
Florian Wirtz schoss die Schweiz am Freitagabend mit zwei Toren und zwei Assists in die Schranken – und musste anschließend über den Mann sprechen, der neben ihm eigentlich die Europameister-Offensive der Zukunft formt. Jamal Musiala, 23, humpelt nicht einmal auf dem Platz, sondern sitzt in München an der Isokinetik-Maschine. Achillessehnen-Problem, dritter Rückschlag innerhalb von zwölf Monaten. Die Zeit läuft.
Nagelsmann zieht den kalender auf
Julian Nagelsmann sprach am Vortag des Testspiels in Frankfurt den Satz, der seit Monaten durch die Bundesliga gärt: „Er hat nicht mehr so viel Zeit, das steht außer Frage.“ Achtwöchige Frist bis zur WM. Musiala muss bis Mitte Mai wieder Vollgas geben, sonst rutscht er aus dem Kader. Der Bundestrainer betont zwar, er „traut“ dem Bayern-Star die Rückkehr zu – doch dahinter steckt die nüchterne Erkenntnis: Verletzungsanfällige Kreative haben auf Turnieren selten Spielrhythmus.
Wirtz, selbst zweimal Kreuzband gerissen, kennt das Gefühl des Wartens. „Man will einfach wieder zurück auf den Platz, ohne Probleme spielen“, sagte er am Mixed-Zone-Mikrofon. Die Worte klingen wie ein Seufzer. Er habe Musiala „schon wieder“ eine Sprachnachricht geschickt. Kleiner Trost, große Erwartung.

System nagelsmann verliert seine variante a
Die taktische Map, auf der Musiala und Wirtz als vertikale Doppel-Zehner eingezeichnet waren, wird gerade zerrissen. Ohne Musialas engen Ball-Kontakt in halbräumlichen Lücken verliert die DFB-Elf ihre wichtigste Progressions-Option. Wirtz kann zwar zwischen den Linien dribbeln, doch die Kombination aus Drehung, Tempowechsel und letztem Pass – Musialas DNA – fehlt. Gegen die Schweiz agierte Wirtz links, Kai Havertz rückte in die Zehner-Zone. Die Lücke blieb.
Die Statistik hinter dem Schönspiel: In 21 Länderspielen mit Musiala erzielte Deutschland 2,4 Tore pro Partie. In den sieben Spielen ohne ihn nur 1,7. Die Differenz mag marginal klingen, entscheidet aber Knock-out-Partien.

Pelkum blick: die wm lebt von geschichten – diese droht ein trauerspiel zu werden
In meinen zwölf Jahren auf den Sportplätzen habe ich gelernt: Turniere schreiben keine Märchen, sie schreiben Timing. Musialas Körper schlägt Alarm. Seine Belastungskurve zeigt seit der Rückrunde 2023/24 keine Plateauphase mehr, nur Spitzen und Abbrüche. Der Sprint, mit dem er 2022 noch Gegner in Schwinden versetzte, endet heute häufiger in der Reha-Klinik als im Sechzehner.
Wirtz wird mit 21 schon zum Alleinunterhalter degradiert. Das ist sportlich kurzfristig löblich, langfristig riskant. Gegen robuste Abwehrketten wie Serbiens oder Frankreichs braucht Nagelsmann zwei Zwischenlinien-Spieler, die nicht nur kombinieren, sondern auch entlasten. Wirtz dribbelt, Musiala müsste dann kreuzen – klassische Rollenverteilung. Ohne Partner wird Wirtz früher oder später doppelt gesetzt. Die Gegner wissen das.
Acht wochen, zwei milliarden fernsehzuschauer – und ein körper, der nein sagt
Musiala trainiert derzeit in individuellen Einheiten. Kein Hallenturnier, kein Team-Geist, kein Laktattest mit den Kollegen. Stattdessen Seilbahn-Übungen, Aquajogging, elektrostimulierte Muskelfasern. Die medizinische Abteilung des FC Bayern spricht von „fortschrittlicher Belastungssteuerung“. Das klingt nach Plan, ist aber Codewort für: Wir wissen nicht, ob der Achilles mit dem Sommer pünktlich wird.
Die WM startet am 14. Juni. Musiala braucht mindestens fünf Wochen Vollbelastung, um Turnier-Form zu erreichen. Bleiben drei Wochen Puffer. Ein Rückschlag – und das Kartenhaus bricht zusammen. Nagelsmann wird Mitte Mai nach Leverkusen fahren, um sich ein Bild zu machen. Dann entscheidet sich, ob das Duo Wirtz/Musiala nur ein Marketing-Slogan bleibt.
Florian Wirtz wird am Samstag beim Bundesliga-Spiel in Stuttgart wieder ran. Jamal Musiala wird auf der Tribüne sitzen – oder in der Reha-Halle. Die deutsche Fußball-Zukunft soll einst in Schwarz-Rot-Gold dribbeln. Gerade sieht sie nur noch schwarz aus.
