Wer nicht nach amerika fliegt: die wm-quali-playoffs zeigen, wer endgültig raus ist

Italiens Angst, zum dritten Mal nacheinander die WM zu verpassen, ist nur die halbe Story. Hinter den Kulissen schwitzen 15 weitere europäische Teams, um sich einen der vier letzten Tickets für USA/Mexiko/Kanada zu sichern – und einige davon haben schon seit Jahren kein WM-Fieber mehr gespürt.

Ein achtungserfolg genügt nicht mehr

Die Zuschauer in Bergamo schauen heute nicht nur auf den eigenen Rasen, sondern auch auf Cardiff. Dort trifft Wales auf Bosnien, wo Edin Dzeko mit 38 Jahren noch immer der Alptraum jeder Abwehr ist. Für die Drachen wäre es das zweite Mal in Folage, für Bosnien die Premiere seit 2014. Craig Bellamy will das Rob-Page-Modell von 2022 kopieren – nur mit mehr Tempo nach außen.

Polen wiederum plant den Generationswechsel vor 90.000 Zuschauern in Chorzów. Robert Lewandowski spielt vermutlich seine letzte WM, neben ihm soll Oskar Pietuszewski (17) debütieren. Der Flügelspieler von Porto wurde von Scouts bereits als „nächstes Porto-Cash-Cow“ gehandelt. Drei WM-Teilnahmen am Stück würden die Marketingabteilung des polnischen Verbandes jubeln lassen – und die Buchmacher nerven.

Sylvinho und der wilde osten

Sylvinho und der wilde osten

Albanien ist bereits die Sensation der EM 2024, nun will Sylvinho das kleinste Balkan-Team erstmals auf die weltgrößte Bühne bringen. „Wir haben keine Stars, nur Arbeiter“, sagt der Brasilianer mit deutscher Staatsbürgerschaft. Gegner wird entweder die Ukraine sein – ohne WM-Erlebnis seit 2006 – oder ein schwedisches B-Team, das Isak und Kulusevski verletzt feiert. Graham Potter kritzelte gestern Abend noch Systeme auf ein Pizzapapier, weil ihm die Stürmer fehlen.

Die andere Halbfinale-Route führt nach Prag. Die Tschechen haben ebenfalls 2006 zuletzt eine WM gesehen, Nordirland sogar 2002. Troy Parrotts „Wunder von Belfast“ darf sich wiederholen, nur diesmal in rotem Dress. Trainer Heimir Hallgrímsson braucht keine Motivationssprüche: „Wenn du in einem 0-0-Land aufwächst, ist jeder Schritt Richtung Amerika ein kleiner Schritt für die eigene Eitelkeit.“

Der dänische druckkochtopf

Der dänische druckkochtopf

Dänemark galt als gesetzt, doch die Pleite gegen Schottland im letzten Gruppenspiel war ein Kälteschock. Brian Riemer sieht die Lage „kritischer als im November“, weil die Gegner Reaktionszeiten studiert haben. Nordmazedonien hingegen wartet auf den ersten Turnierstart überhaupt. Wenn Eljif Elmas und Enis Bardhi den Ball in den Lauf von Bojan Miovski schicken können, fliegt selbst Kopenhagen aus der Komfortzone.

Kosovo ist die geheime Waffe. Ohne Amir Rrahmani, aber mit Fisnik Asllani, der in Berlin schon für Hertha träumte, bevor ihn Union verpflichtete. Eslovaquia war 2010 zuletzt dabei, seitdem stagniert der Zuschauerschnitt unter 7.000. Eine erfolgreiche Reise würde die Ticketpreise in Bratislava um 40 Prozent nach oben treiben – das weiß auch Francesco Calzona, der lieber über Gegner statt Zahlen spricht.

Die letzte chance auf 48 gesichter

Die letzte chance auf 48 gesichter

Während Europa noch zittert, startet in Mexiko die interkontinentale Playoff-Runde. RD Kongo, Irak, Bolivien, Surinam, Neukaledonien und Jamaika kämpfen um zwei Plätze. Für Neukaledonien und Surinam wäre es das Debüt überhaupt, für RD Kongo die Rückkehr nach 50 Jahren – damals noch als Zaire, als Pelé den Spielern Dollarscheine in die Hand drückte.

Am Ende bleiben sechs freie Startplätze, 22 Teams, ein Kontinent. Die Mathematik ist gnadenlos: Wer heute verliert, fliegt nicht nur raus, sondern verschwindet für Jahre aus dem globalen Fernsehprogramm. Die TV-Rechte für die Gruppenphase sind bereits verkauft, die Nachfrage nach italienischen Trikots aber sinkt gerade auf ein Rekordtief. Manchmal reicht eben doch kein einziger Blick auf Dzeko, um die eigenen Sorgen zu vergessen.