Wellinger rast in kulm zurück: fünfter platz weckt alte klasse

Andreas Wellinger flog 223 Meter weit, ballte die Faust und spürte: Die Qual ist vorbei. Platz fünf am Kulm bedeutet nicht nur sein bestes Saisonergebnis, sondern die Rückkehr in die Weltspitze nach Monaten in der Bedeutungslosigkeit.

Die talsohle ist passé

Die Zahlen waren gnadenlos: Starts zwischen Rang 30 und 40, häufiges Scheitern am Cut, ein Olympiastart nur dank Team-Nominierung. Wellinger testete alles – Trainingspause, Extra-Schichten, neue Anzüge – und scheiterte an der Flügelkonstruktion der neuen Vorschriften. Kulm war der erste Tag, an dem seine Sprünge wieder sahen, wie sie sich anfühlen: lang, ruhig, souverän.

Der 30-Jährige gibt offen zu, dass er „mit den neuen Anzug-Regularien extrem haderte“. Die engeren Kontrollen schränkten seine natürliche Flughaltung ein. Am Sonntag fand er die Lücke: 219,5 m im zweiten Durchgang mit Wind aus westlicher Richtung, exakt die Bedingungen, unter denen sich seine flache, dynamische Flugphase entfaltet. Das Ergebnis: 252,6 Punkte und der Sprung von Platz zwölf auf fünf.

Olympia-drama als zündstoff

Olympia-drama als zündstoff

Die 0,3-Punkte-Niederlage im Super-Team mit Philipp Raimund in der Schneewüste von Milano Cortina nagt noch. „Wir hätten Gold gehabt, wenn der Durchgang regulär zu Ende gegangen wäre“, sagt Wellinger. Stattdessen fuhr er mit Silber nach Hause – und mit der Erkenntnis, dass er bei Extrembedingungen noch mitmischen kann. Seit dem 17. Februar trainiert er mit angezogener Handbremse, weil die Psyche nach der verschenkten Medaille mitspielte. Kulm war die erste Befreiung.

Die Statistik bestätigt den Aufwärtstrend: Drei Top-10-Platzierungen in den letzten vier Flugtrainingstagen, dazu die höchste Geschwindigkeit im zweiten Sprung mit 104,5 km/h. Sein Materialpartner Fischer lieferte eine neue Ski-Generation mit schmalerer Auflagekante, die die Anzugsspannung reduziert. „Wir haben endlich wieder Spielraum“, sagt er.

Vikersund und planica warten

Vikersund und planica warten

Vier Wettkämpfe, zwei Flugschanzen: Vikersund mit der 250-Meter-Marke und Planica mit der Monster-HS-240. Für Wellinger ideale Rampen, weil dort die Flugphasen länger sind und die neuen Anzüge weniger zwingend wirken. Er braucht 200 Punkte, um die Top-10 der Gesamtwertung noch zu erreichen – ein Ziel, das er intern „Projekt 200“ nennt. „Ich will nicht nur dabei sein, ich will auf dem Podest landen, bevor die Saison endet.“

Die Konkurrenz schaut. Stefan Kraft nennt ihn „einen der gefährlichsten Flieger, wenn er sich traut“. Domen Prepc, der am Kulm mit Schanzenrekord gewann, sagt: „Wenn Andreas in die Spur kommt, fliegt er weiter als wir alle.“

Am Sonntagabend saß Wellinger mit seinem alten Weggefährten Severin Freund am Kulm-Stadl, aß Kaiserschmarrn und sprach über die alten Zeiten. Der Unterschied: Diesmal glaubt er wieder an die Zukunft. Die Saison endet am 29. März in Planica. Bis dahin will er mindestens ein Mal Jubel erleben, der lauter ist als das Lächeln vom Sonntag. Die Maschine ist erwacht – und sie hat noch vier Starts, um zu beweisen, dass das Comeback kein Einzelfall war.