Warwara worontschichina schlägt zurück: russlands erste goldparade seit sotschi

Tränen statt Tauben. Im Super-G von Cortina schreibt Warwara Worontschichina Geschichte – und weint, als wolle sie zwölf Jahre Frust in einem einzigen Lauf abfahren.

Die 23-jährige aus ostsibirien jagt 1:15,60 minuten lang die konkurrenz und die vergangenheit

Die Französin Aurelie Richard schafft es noch aufs Podest, verliert aber 1,96 Sekunden. Das ist in diesem Sport eine Ewigkeit. Die Schwedin Ebba Arsjö, seit Ende 2022 im Super-G ungeschlagen, muss sich mit Bronze begnügen – ihre Serie reißt. Andrea Rothfuss aus Mitteltal wird Vierter, Anna-Maria Rieder aus Murnau Elfter. Die deutschen Skifahrerinnen liefern solide Leistungen, bleiben aber außerhalb des Medaillenregens.

Was danach passiert, hat mit Sport nur noch indirekt zu tun. Die russische Hymne ertönt – zum ersten Mal seit Sotschi 2014 unter offizieller Flagge. Worontschichina steht auf dem Podest, die Hand auf dem Herzen, und die Tränen laufen. Nicht aus Freude, sondern aus Relief. „Ich habe die Last von zwölf Jahren mit mir herumgetragen“, sagt sie später. „Heute ist sie endlich runter.“

Die wildcard, die mehr war als nur ein startplatz

Die wildcard, die mehr war als nur ein startplatz

Russland war zwölf Jahre lang Außenseiter im Paralympics-Sport. Doping, Krieg, Sanktionen – das IOC und das IPC drehten den Hahn zu. Die Rückkehr erfolgte auf dem Umweg über Wildcards. Worontschichina und Alexej Bugajew erhielten zwei der sechs verfügbaren Startplätze. Bugajew holte in der Abfahrt Bronze, Worontschichina schon am Samstag. Heute setzt sie nach – und wie.

Die Generalversammlung des IPC hatte im vergangenen Jahr grünes Licht gegeben. Die Entscheidung war politisch umstritten, sportlich folgenreich. Denn mit Worontschichina kommt eine Athletin zurück, die nicht nur schnell fährt, sondern auch ein Symbol ist: für ein Land, das sich neu erfinden will – und für eine Sportlerin, die sich nie sicher war, ob sie jemals wieder unter eigener Flagge starten darf.

Die Uhr stoppt bei 1:15,60 – mehr Zahlen braucht es nicht. Die Zeit ist ein Fakt, der alles andere überlagert. Sie markiert das Ende eines Exils und den Beginn einer neuen Ära. Ob diese Ära länger währt als ein Rennen, wird sich zeigen. Heute zählt nur das Jetzt – und das ist golden.