Von der zaun-figur zum priester: ex-capo körber predigt jetzt mit gladbach-grün im talar
Er stürmte 25 Jahre lang den Wellenbrecher, schrie mit Megafon 25.000 Kehlen schaumig. Jetzt lehnt Sven Körber am Altar, zündet drei Wachskerzen an und singt „Das ist meine Freude“ – in Borussia-Grün gestickt auf sein Priesterhemd.
Der capo, der sich selbst entlassen hat
1999 stand er in Rostock da, wo die Gladbacher Stimmen versagten. Er kletterte, brüllte, machte aus Touristen Choreo. Innerhalb eines Spieltags war er Kapo Nr. 1, die Szene nannte ihn nur „Sven, den Zaun“. Zehn Jahre lang diktierte er den Rhythmus, neben ihm trommelte Manolo, vor ihm die Köln-Ultras, die ihm später die Fahne klauten. Doch zwischen Pokal-Finale und Abstiegsangst schlich sich eine Frage in sein Kopf: „Wer singt für dich, wenn du selbst keine Luft mehr kriegst?“
Parallel zur Südtribüne schlug er Theologie auf, aber Pfarrer werden und jeden Samstag nach Bochum, Freitag nach Novi Sad – das ging gegen die Wand. 2008 war Schluss, er verabschiedete sich per Megafon, stieg vom Zaun und verschwand in die Evangelische Schule. Die UMG löste sich auf, Körber blieb. „Ich habe den Fans nicht den Rücken gekehrt, ich habe nur die Perspektive gewechselt“, sagt er heute.

Balve, 12.000 seelen, eine kirche, ein fanclub
Im Sauerland gründete er die „Felsenmeer-Fohlen“, 120 Mitglieder, alle mit Dauerkarte. Er sitzt in Block 17A, sieht seine alten Jungs von oben, betet nicht für Siege, aber für pünktlichen Segen, damit er nach dem Gottesdienst noch 13:30 Uhr-Termine in der zweiten Liga schafft. Trauungen von Fans hat er schon drei gehalten, die Predigt kommt vor dem Elfmeter, das Amen nach dem Abpfiff.
VAR, Pyro, 50+1 – er hat Meinungen, klar. „Der Videobeweis killt das Gefühl, Schiri muss menschlich bleiben“, sagt er und schiebt die Bibel beiseite. Pyrotechnik? „Fahnen sind lauter, weil sie länger flattern.“
Sein Konfirmationsspruch steckt auf dem Talar, seine Frau Doreen leitet den Kinderchor, und wenn der BVB kommt, läutet er die Glocke fünf Minuten später – er weiß, dass viele Gladbacher erst mal rauspusten müssen.
Körber ist keine Marketing-Ikone, er ist ein lebender Beweis, dass Leidenschaft nicht wegwächst, sie wechselt nur das Stadion. Am Samstag steht er wieder am Zaun – diesmal mit Stola statt Schal. Und wenn der Ball rollt, rollt auch die Kirche mit. Seine Mission: „Brücken bauen. Zwischen Südtribüne und Altar ist nur ein Schritt, wenn man die richtigen Chants kennt.“ Borussia ist geblieben, der Brüller auch. Nur der Arbeitsplatz hat sich verlegt – vom Wellenbrecher zum Kanzelbrecher.
