Vikersund schlägt zurück: monsterbakken windet springen ab

Die Heini-Klopfer-Schanze bleibt stumm. Nach fünf Stunden Warterei, Minuten-Verschiebungen und einem Wettkampf, der sich wie ein endloses Penalty-Schießen anfühlte, warfen die Organisatoren das zweite Skifliegen in Vikersund knapp vor Einbruch der Dunkelheit auf den Müll. Der Grund: zu viel Wind, zu wenig Zeitfenster, zu viel Ehrgeiz, der sich im norwegischen Fjord zerschellte.

Warum die absage längst beschlossene sache war

Schon beim Quali-Durchgang am Nachmittag riss die Serie nach acht Sprüngen ab. Die Anemometer an Schanzenrändern schossen in rote Bereiche, die Richter starrten auf Monitore, die keinen einzigen grünen Balken mehr anzeigten. Die Spielverderber hießen Böen mit bis zu 25 km/h quer zur Auslaufbahn. Für die Flugphase bedeutet das: kein konstanter Anstrich, kein sicherer Aufsetz-Punkt, Risiko für Kreuz- und Kniebande.

Die Athleten reagierten mit dem Blick des Boxers, der weiß, dass der Gegner heute unbesiegbar ist. Philipp Raimund vertrieb sich die Wartezeit mit Gregor Deschwanden am Fußballtennis-Platz vor der Schanze. Olympiasieger statt Olympiaschanze – ein Bild, das mehr sagt als jede Windmessung.

Was die absage für die gesamtwertung bedeutet

Was die absage für die gesamtwertung bedeutet

Der Weltcup-Zug rollt weiter Richtung Slowenien. Ohne Zähler in Vikersund verlieren die Verfolger hinter Timi Zajc ihre letzte echte Chance, die Gesamtwertung noch zu kippen. Für die deutschen Springer wird die Reise nach Planica zum reinen Saison-Ausklang ohne Druck. Wer dort fliegt, kann nur noch Prestige sammeln, nicht mehr Punkte.

Die Enttäuschung bleibt dennoch spürbar. Katharina Schmid hatte am Freitag mit 204 m die 200-m-Marke endlich geknackt, Selina Freitag stellte mit 216 m neuen deutschen Rekord auf. Ein zweiter Tag auf der gleichen Schanze hätte der deutschen Flug-Offensive weiteren Auftrieb geben können. Statistiker werden nun ein Fragezeichen hinter die These setzen, dass Vikersund zum deutschen Revier wird.

Warum tv-sender die nerven verloren

Warum tv-sender die nerven verloren

Hinter den Kulissen tickte ein zweiter Countdown: der Sendeplan. ARD und NRK hatten Prime-Time-Slots reserviert, Produktionsfirmen standen mit 40 Kameras bereit, Kommentatoren hatten Redetexte für drei Durchgänge vorbereitet. Als sich 18.15 Uhr nährte und die Windmessung weiterhin Rot zeigte, wurde klar: länger als 19 Uhr dürfen die Bilder nicht laufen, sonst kollidieren sie mit fest eingeplanten Nachrichtensendungen. Die Absage war daher auch ein Rückzieher der Programmdirektion.

Die Konsequenz: Vikersund bleibt als Symbol für die unberechenbare Natur des Sports erhalten. Die Fans, die stundenlang an der Bande standen, sangen trotzdem „Heia Norge“. Sie wissen: auf der Monsterbakken gewinnt man nicht gegen den Wind, sondern nur mit ihm.