Van der poel dreht die letzte runde durch: solo-flucht, kollaps und ein hattrick voller fragezeichen

43 Kilometer vor dem Ziel riss Mathieu van der Poel das Rennen in Harelbeke in Stücke. Der Rest war blanker Selbstmord – oder Genie. Am Paterberg legte der Niederländer die Kupplung durch, riss 24 Sekunden heraus, schluckte seine eigene Laktatsuppe und schaffte es doch noch in die Schlussetappe, wo vier Hungrige ihn einholen wollten. Eine Runde später lag er mit zuckendem Oberkörper auf dem Asphalt – und hatte trotzdem den dritten E3-Sieg in Serie eingefahren.

Die Zahl, die alles erklärt: 1.900 Watt Spitzenleistung, gemessen auf der letzten Steigung vor der flachen Schlussschleife. Dahinter steckt kein Trainingsplan, sondern eine Wette gegen die eigene Lunge. „Ich wusste, wenn sie einmal zögern, bin ich weg“, sagte van der Poel später. Er sprach vom Bogen nach Kluisbergen, wo er sich selbst als Hasardeur bezeichnete. Der Beweis: Zwischen Kilometer 175 und 182 fuhr er allein schneller als das Autobegleitfahrzeug – 58,3 km/h Durchschnitt bei Side-Wind.

Verfolgergruppe zögert sich selbst zu tode

Verfolgergruppe zögert sich selbst zu tode

Was die Konkurrenz betrifft, reicht ein Blick auf die Funkprotokolle. Trek-Segafredo, UAE und Visma-Lease a Bike teilten sich die Arbeit, schoben sich gegenseitig den Schwarzen Peter zu. Mit 1.200 Metern noch offen Straße schalteten alle vier Fahrer gleichzeitig in den Kleinstgang – ein Bild, das Eurosport-Kommentator Patrick Moster als „Kettenreaktion der Angst“ kommentierte. In dieser Sekunde schob van der Poel den Schalthebel zurück in die 11, trat ein letztes Mal durch und hatte 1,7 Sekunden Vorsprung über den Schnittpunkt. Die Zielaufnahme zeigt ihn mit offenem Mund, aber die Arme bereits in Champion-Manier über dem Kopf.

Die Folge: Ein Hattrick, den seit 1980 nur Eddy Planckaert und Fabian Cancellara vor ihm geschafft haben. Anders als die beiden musste van der Poel aber eine Zitterpartie überstehen, die selbst seine Sportliche Leitung im Nachgang mit „Herzinfarkt-Rad“ betitelte. Die Daten: 208,5 km in 4:42:11 Stunden, 3.980 Höhenmeter, 48% der Strecke über 50 km/h. Und ein Herzfrequenzpeak von 201 bpm, gemacht 200 Meter nach dem Flamme Rouge – also längst nach dem Zeitpunkt, an dem eigentlich keine Reserve mehr existiert.

Belgien feiert sich selbst für eine Organisationsleistung, die kaum jemand bemerkt hat: 312 Kilometer provisorische Streckenmarkierungen, neu verlegt wegen Baufahrzeugen auf der E17. Trotzdem lief kein Fahrer falsch, keine Gruppe musste abgebogen werden. Rennleiter Scott Sunderland nannte das „ein Stück Schweizer Uhrwerk unter flämischer November-Kälte“. Dabei war es 14 Grad und Sonne – ein Detail, das die Bilderagenturen trotzdem als „Ardennen-Herbst“ verkaufen.

Für van der Poel geht es in 72 Stunden nach Gent, wo die Erektus-Teams bereits die ersten Trainingsrunden für die Flandern-Rundfahrt planen. Sein Vater Adri war am Freitagabend nicht am Streckenrand, sondern im Nachwuchslager der Alpecin-Deceuninck-Akademie in Kortrijk. Sein Kommentar per WhatsApp: „Dreimal E3 – das reicht für ein ganzes Leben. Jetzt wird erst mal geschlafen.“ Die Ironie: Schlaf wird für Mathieu van der Poel zur Luxusware. Denn wenn er in Richtung Flandern blickt, weiß er, dass dort niemand mehr zögert.