Uruguay: bielsa steht vor dem abgrund – messi-duell könnte rettung bringen
Atlanta. Die Ernüchterung ist greifbar. Uruguay, einst gefürchteter Gegner auf dem Fußballplatz, präsentiert sich bei der WM in den USA, Kanada und Mexiko in einer alarmierenden Verfassung. Zwei magere Unentschieden gegen Saudi-Arabien und Kap Verde verdeutlichen: Das Feuer fehlt, die Leidenschaft ist verflogen. Trainer Marcelo Bielsa, der „Loco“ wie ihn die Fans nennen, übernimmt die volle Verantwortung – und steht vor einer existenziellen Herausforderung.
Die schatten der vergangenheit
Es sind nicht die fehlenden Titel, die hier schmerzen. Bielsa ist ein Trainer, der über Ergebnisse hinausdenkt, ein Denker, ein Philosoph des Fußballs. Doch gerade in diesem Turnier scheint seine Philosophie zu bröckeln. Seine Mannschaften waren stets bekannt für ihre unbändige Kampfeslust, für eine Intensität, die den Gegner in den Wahnsinn trieb. Das ist in den bisherigen Spielen kaum zu erkennen. Es fehlt die unbändige Energie, die den uruguayanischen Fußball so einzigartig macht. Die Erinnerung an die bittere Niederlage im Finale der Copa América vor zwei Jahren, das 2:2 gegen Brasilien in der Nachspielzeit, ist noch immer präsent – ein Symbol für verpasste Chancen und vergebene Hoffnungen.

Die messlatte der intensität
Bielsa, der Mann, der einst Brian Clough in Leeds nach 44 Tagen beerbte, versteht Fußball als kulturelle Angelegenheit, als mehr als nur ein Sport oder ein Zeitvertreib. Er hat Teams wie Bilbao, Marseille und die argentinische Nationalmannschaft geprägt. Doch in Uruguay scheint er derzeit an seine Grenzen zu stoßen. „Es gibt keine Zweifel, dass Uruguay besser als Kap Verde ist“, räumte Bielsa nach dem jüngsten Unentschieden ein, „aber wir müssen es zeigen. Wir haben zwei Spiele verloren, die wir hätten gewinnen müssen. Eine große Enttäuschung, vor allem für mich als Verantwortlichen. Der entscheidende Faktor war der Verlust an Intensität – das darf nicht passieren.“
Die Leistung von Darwin Nunez, der Stürmerstar, ist besonders enttäuschend. Er verschwindet förmlich auf dem Platz, während Maxi Araújo, ein ehemaliger Verteidiger, der ins Mittelfeld vorgerückt ist, mit zwei Toren und einer Vorlage glänzt. Ein Paradoxon, das die Misere Uruguays noch deutlicher macht. Es ist eine Nation von nur drei Millionen Menschen, die immer für eine schwere Aufgabe gesorgt hat – doch bisher präsentierte sie sich bei dieser WM blass und kraftlos.

Das entscheidungsspiel gegen spanien
Die Hoffnung ruht nun auf dem Spiel gegen Spanien. Ein Sieg ist unwahrscheinlich, ein Unentschieden könnte reichen, um zumindest den zweiten Platz im Tableau zu sichern. Dann würde Uruguay im Achtelfinale auf Argentinien treffen – ein Duell mit historischer Bedeutung. Erinnern wir uns an die Weltmeisterschaft 2014, als ein fragwürdiger Elfmeter und ein rotes Feld für Luis Suárez zu Uruguays Ausscheiden führten. Ein Kapitel, das die Fans noch immer schmerzt.
Bielsa hat in seiner Karriere ein schwieriges Verhältnis zur WM. Nur drei Siege in neun Spielen sprechen für sich. Er hat immer großen Wert auf den Teamgeist gelegt und den Urglauben Luis Suárez, den „Pistolero“, zunächst außen vor gelassen, obwohl dieser um eine Rückkehr gebeten hatte. Ein Fehler? Die kommenden Tage werden es zeigen. Aber eines ist klar: Uruguay muss sich finden, muss seine Identität zurückgewinnen, wenn es in diesem Turnier noch eine Rolle spielen will. Die Zeit drängt. Die Chance zur Revanche liegt in den Händen von Bielsa und seiner Mannschaft.
