Turnskandal: hölzl trotzt ermittlungen – und steigt in schlüsselrolle auf!
Potsdam – Ein Erdbeben im deutschen Sport: Alfons Hölzl, der Präsident des Deutschen Turner-Bundes (DTB), wurde am vergangenen Samstag von der Konferenz der Spitzenverbände des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) zum neuen Sprecher der Spitzenverbände gewählt. Das Timing ist mehr als unglücklich, denn parallel dazu laufen die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Stuttgart gegen Hölzl und den DTB im Zusammenhang mit schwerwiegenden Missbrauchsvorwürfen an deutschen Turnstützpunkten.

Die entscheidung des dosb: ein riskantes signal?
Die einstimmige Wahl Hölzls, obwohl die Vorwürfe weiterhin im Raum stehen, wirft Fragen auf. Der DOSB sieht in ihm, angesichts der anstehenden Präsidiumswahl und der Diskussion um die Sportförderung, einen „Schlüsselspieler“. Doch ist es angemessen, eine so exponierte Position einer Person anzuvertrauen, gegen die ein Strafverfahren wegen des Verdachts auf Körperverletzung und Nötigung in mehreren Fällen anhängig ist? Die Antwort ist, gelinde gesagt, schwierig zu fassen.
Die Vorwürfe, die seit Jahreswechsel öffentlich wurden, belasten den deutschen Turnsport schwer. Turnerinnen hatten von Machtmissbrauch und systematischen Übergriffen an den Stützpunkten Stuttgart und Mannheim berichtet. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nicht nur gegen den DTB als Organisation, sondern eben auch direkt gegen Hölzl. Dass er nun zusätzlich die Sprecherfunktion übernimmt, erscheint vielen Beobachtern wie ein Schlag ins Gesicht der Betroffenen.
Hölzl selbst nimmt die Situation gelassen. In einer persönlichen Stellungnahme erklärte er, er sehe „auf Basis der mir vorliegenden Sach- und Rechtslage keinen Anlass“, sein Amt niederzulegen. Der DTB verteidigt sich ebenfalls: Eine Kanzlei soll eine erste Prüfung der Einleitungsverfügung der Staatsanwaltschaft ergeben haben, dass sich eine Strafbarkeit der beschuldigten Funktionäre „nicht nachvollziehen lasse“. Ein Argument, das von vielen Experten, darunter auch der SPD-Fraktionsvorsitzende Sascha Binder und die ehemalige Olympia-Turnerin Janine Berger, scharf kritisiert wird.
Die Aufarbeitung der Vorwürfe zieht sich zäh hin. Eine Arbeitsgruppe soll die Missstände an den Turnstützpunkten aufarbeiten, doch Ergebnisse werden vorerst nicht erwartet. Der Schwäbische Turnerbund reagiert auf die Ermittlungen zurückhaltend, während bei anderen Themen die Gesprächsbereitschaft groß ist.
Aimee Boormans vorzeitige Trennung vom DTB und die Äußerungen der US-Amerikanerin Helen Kevric über die Zusammenarbeit werfen zusätzlich ein schlechtes Licht auf die Situation im deutschen Turnsport. Die Frage ist nicht, ob der Turnskandal das Vertrauen in den Verband nachhaltig beschädigen wird, sondern wie schnell und überzeugend der DTB die notwendigen Konsequenzen zieht.
