Tuchel zieht bellingham ins sturmzentrum – englands heimlicher trumpf

Jude Bellingham wird am Mittwoch in Dallas nicht nur das englische Mittelfeld dirigieren – er könnte als getarnte Neun die kroatische Abwehr zerlegen. Thomas Tuchel ließ nach dem 3:0 gegen Costa Rica durchblicken, dass der 23-Jährige in der Rolle des freien Strafraumspielers starten darf. „Er kann als 9 ½ operieren, halblinks auftauchen, Harry Kane nachlegen und selbst abschließen“, sagte der Coach und klang dabei wie ein Gitarrist, der ein neues Effektgerät entdeckt hat.

Kane bleibt, bellingham rückt vor

Der Plan ist klar: Harry Kane bleibt nominell Mittelstürmer, zieht sich aber in die Vorlagengeber-Position zurück. Dahinter lauert Bellingham, von Beginn an in den Halbräumen, bereit, mit Morgan Rogers doppelte Zehner-Pressing zu spielen. Gegen Costa Rica funktionierte das innerhalb von 30 Minuten: zwei Tore nach Bellingham-Initiative, beide Male weil der Kroate an seinem Tempo zerbarst.

Das Experiment ist keine Eintagsfliege. Tuchel testete die Konstellation schon in der verdeckten Partie gegen Brentfords U21, dort schoss Bellingham dreimal und bereitete zwei weitere Tore vor. Die englische Analytik-Abteilung nennt die Formation intern „Box-Overload 4-2-3-1-1“ – ein Schlagwort, das mehr suggeriert als erklärt, aber die Aufregung in den Kabinen steigert.

Warum jetzt risiko?

Warum jetzt risiko?

Ganz einfach: Kroatien stellt mit Brozović und Modrić ein 6er-Doppel, das sich nicht zweimal umdrehen darf. Bellingham nutzt genau diese Sekundenbruchteile, um zwischen den Linien zu verschwinden. „Wenn sie ihn markieren, öffnen sie Räume für Foden und Saka. Tun sie es nicht, trifft er selbst“, analysierte Tuchel nach dem Training im AT&T Stadium.

Die Zahlen sprechen für sich: Bellingham erzielte diese Saison 19 Tore für Real Madrid, davon 12 aus dem Zentrum heraus. Sein xG aus Box-Mitte: 0,47 pro 90 Minuten – besser als jeder englische Sechser seit Lampard 2010.

Die frage nach dem nebeneffekt

Die frage nach dem nebeneffekt

Doch jedes System hat Preis. Mit Bellingham als falsche Neun fehlt im Mittelfeld die Balleroberung. Rice und Mainoo müssen 25 Meter mehr laufen, um Lücken zu schließen. Die Lösung: Morgan Rogers als zusätzlicher Achter, der sich in Ballbesitz als temporärer Halblinker versteckt. Das wiederum drängt Anthony Gordon auf die Bank – ein Opfer, das Tuchel bis zuletzt erwägt.

Am Ende bleibt eine Tatsache: England reist nicht mehr mit festen Positionen, sondern mit flexiblen Waffen. Und Bellingham ist deren scharfste Klinge. Gegen Kroatien wird sich zeigen, ob Tuchels Kalkül aufgeht – oder ob die Kroaten früh bemerken, dass sie gegen zwei falsche Neunen verteidigen müssen. Entschieden ist nichts, aber die Richtung steht: Der Weltmeister von 2026 wird mit Tempo und Täuschung spielen – und Jude Bellingham wird ganz vorne mitmischen.