Trotz wm-blamage: montella bleibt – türkei stellt sich quer
Drei Spiele, null Tore, K.o. nach 180 Minuten. Die Türkei stapfte nach 24 Jahren WM-Abstinenz pünktlich zum Sommertraum wieder in die Wüste – und scheiterte spektakulär. Doch statt Aufbruchstimmung folgt auf dem Bosporus ein Bekenntnis zum Status quo: Vincenzo Montella sitzt weiter in der Kabine, İbrahim Hacıosmanoğlu schließt personelle Säuberungen aus. Der Verbandschef formulierte es so, wie nur er es kann: „Wir ersetzen keine Spieler, die wir auf unserem Weg kennengelernt haben.“
Der präsident der harten linie
Hacıosmanoğlu, seit 2022 an der Spitze des TFF, gilt als Mann der klaren Worte, nicht der Soft Skills. Nach dem 0:2 gegen Wales und der 0:1-Pleite gegen Algerien schwappte in Istanbul eine Wutwelle durch Sozialmedien, in der Hashtags wie „#MontellaRaus“ trendeten. Seine Antwort: „Das ist nicht irgendein Verein. Man kann nicht einfach 15 Spieler abgeben und 15 neue holen. Man kann nicht den Trainer entlassen und einen anderen holen.“
Die Botschaft steht fest: Kontinuität vor Konsequenz. Montella, seit September 2023 im Amt, hatte die Türkei souverän durch die EM-Quali geführt, stürmte mit einem Viertelf 2024 ins EM-Viertelfinale und buchte über die Play-offs das WM-Ticket. Zwei Jahre, drei Turnier-Teilnahmen – die Bilanz ist laut Statistik makellos. Die Realität: Trotz 23,4 Millionen € Etat und Stars wie Hakan Çalhanoğlu oder Kenan Yıldız blieb das Team ohne jede offensive Durchschlagskraft.

Montella zwischen reue und rücktritts-forderung
Nach dem fixen Aus sprach der Italiener mit gebrochener Stimme: „Ich entschuldige mich beim türkischen Volk, beim Verband, beim Präsidenten – und besonders bei den Spielern. Sie haben alles gegeben.“ Dabei klang nicht nur Bedauern. Es klang auch wie ein Appell: Gebt uns eine zweite Chance. Doch die Fans fragen sich, ob eine zweite Chance ausreicht, wenn die erste schon in der Gruppenphase endete.
Die türkische Presse schlägt inzwischen mit scharfer Klinge. „An Naivität nicht zu überbieten“, titelte Hürriyet und bezog sich auf die defensive Grundordnung Montellas, die gegen schnelle Gegner regelmäßig zerbröselte. Die Kritik richtet sich aber nicht nur auf die Taktik, sondern auch auf die Auswahl: Arda Güler saß gegen Algerien 70 Minuten auf der Bank, Kerem Aktürkoğlu kam erst in der 85. Minute.

Letzter auftritt als ehrenrunde
Am 26. Juni, 4 Uhr Ortszeit, steht die Türkei im letzten Gruppenspiel gegen Gastgeber USA auf dem Rasen. Für die Türken ist es nur noch eine Ehrenrunde – für Montella eine Generalprobe ohne Druck, für die US-Boys ein möglicher Gruppensieg. Die Frage bleibt: Wird das 0:0-Syndrom endlich durchbrochen oder endet die Leidensgeschichte mit einem weiteren Debakel?
Hacıosmanoğlu hat sich entschieden. Montella bleibt, das Team bleibt, die Philosophie bleibt. Die Bilanz des Präsidenten: „Dieselben Spieler werden uns dieselben Erfolge bescheren.“ Die Bilanz der Tabelle: null Punkte, null Tore, null Perspektive. Die Türkei trägt ihre Narben als Stolz – und riskiert, künftige Sommer ebenso frustriert zu verpassen.
