Thun setzt auf dna: rapp und ziswiler übernehmen das ruder
Der FC Thun schläft nicht. Während andere Klubs auf teure Externe setzen, holen die Berner Oberländer zwei ihrer Söhne heim – und macht sie sofort zu Chefs. Simone Rapp und Nino Ziswiler steigen nach ihren letzten Spielen sofort in die sportliche Leitung ein. Keine Übergangszeit, kein Schnupperpraktikum. Vollgas.
Das Duo kennt jede Kabine, jeden Rasenfetzen im Stadion Lachen. Rapp war 139 Mal für Thun am Ball, erzielte 39 Tore, wurde dann nach Wil transferiert. Dort beendet der 32-Jährige im Sommer seine Laufbahn – und kehrt sofort als Kaderplaner zurück. Seine Aufgabe: Transfers, Zusammenstellung der Mannschaft, Talente loten. Ein Stürmer mit Dossier. Kein Berater, der PowerPoint schiebt, sondern jemand, der selbst noch vor zwei Jahren die Innenverteidiger per Kopfball gequält hat.
Ziswiler dagegen bleibt physisch da, wo er immer war: im Trainingszentrum. Nach 198 Pflichtspielen für die erste Mannschaft schlüpft der 29-jährige Mittelfeldakteur in die Rolle des Sportkoordinators. Koordination bedeutet hier: Er lädt nicht nur den Kaffee. Er fungiert als Scharnier zwischen Sportchef Dominik Albrecht, Trainern und dem Nachwuchs, strickt Trainingspläne, analysiert Daten, lotet Gegner aus. Ein Bindeglied mit Erfahrungswissen statt Excel-Sheets.

Warum thuns insider-strategie riskant und brillant zugleich ist
Der Klub investiert keine Millionen in Headhunter, sondern in Identität. „Wir holen keine Fremdkörper, sondern Charaktere, die Thun im Blut tragen“, sagt Albrecht. Die Rechnung: Wer die DNA des Vereins trägt, schaftt keine internen Machtkämpfe. Wer aus der Kabine kommt, weiß, dass der Nebenmann mehr will als PowerPoint-Optimismus.
Risiko? Klar. Spieler zu Managern zu befördern ist wie Slalom mit Handbremse: Erfolg wirkt schnell als Geniestreich, Misserfolg als Nepotismus. Doch Thun besitzt eine Rarität: Zeit. Der Verein schreibt keine Titel-Tickets aus, sondern Nachhaltigkeit. Kein Champions-League-Druck, dafür Langfristigkeit. Und Zahlen? Die sprechen für sich: 60 Prozent aller Eigengewächse in der Startelf kamen in den letzten drei Jahren aus dem eigenen Nachwuchs. Die neue Doppelspitze soll diesen Anteil noch erhöhen.
Die Fans reagierten sofort. Die Mitgliederversammlung wurde zur Standing-Ovation, als Rapps Rückkehr durchs Mikro ging. Kein „wir schauen mal“, sondern Applaus vorab. Thun spielt damit eine Emotionskarte, die dem Verein in Zeiten von Investor-Geblubber eine regionale Seele gibt.
Die Liga beobachtet neugierig. Wenn das Experiment glückt, könnte es Schule machen: Weniger Berater-Ego, mehr Spieler-Verstand. Wenn es scheitert, flattert die nächste Headhunter-Rechnung. Doch bis dahin lautet die Devise: Erst mal Trotzki spielen – mit eigenen Leuten.
