Thun schreibt geschichte: der erste meistertitel ist nur noch formsache

Der FC Thun spielt nicht mehr um den Titel – er spielt mit dem Kalender. Nach dem 2:2 im Topspiel gegen St. Gallen beträgt der Vorsprung auf die Espen 16 Punkte. Die Frage ist nicht mehr, ob die Berner Oberländer Meister werden, sondern wann sie feiern dürfen. Und ob sie es vor eigenem Publikum tun.

Die zahlen lügen nicht

Elf Siege in zwölf Rückrundenspielen. 71 Punkte nach 28 Spielen. Ein Punkteschnitt von 2,54 pro Partie. Damit liegt Thun auf Kurs, die zweitbeste Saison der Super-League-Geschichte zu absolvieren – nur hinter den 101 Punkten der Young Boys 2018/19. Die Rekordsaison der Berner mit 91 Punkten? Längst im Visier. 95 Zähler sind möglich. Der Klub, der vor zwei Jahren noch in der Challenge League rangierte, ist dabei, die Liga zu revolutionieren.

Trainer Mauro Lustrinelli hat eine Mannschaft geschaffen, die nicht mehr gewinnt, sondern abnickt. Gegner schaffen es noch, zu equalisieren – aber nicht mehr, zu glauben. Das 2:2 gegen St. Gallen war symptomatisch: Die Espen glichen zweimal aus, doch selbst der 2:2-Anschlusstreffer in der 88. Minute wirkte wie ein Abpfiff für ihre Titelhoffnung.

Ostern wird die kirsche auf der torte

Ostern wird die kirsche auf der torte

Die Scenario-Kabinette arbeiten bereits. Für eine vorzeitige Krönung am Karsamstag müsste Thun in Zürich und in Lugano gewinnen – und St. Gallen in Sion verlieren. Dann würde im Berner Oberland bereits vor der 32. Runde gefeiert. Verzögern können die Espen die Party nur, wenn sie in Sion gewinnen und danach gegen Zürich punkten. Aber selbst dann: Thun kann in der 33. Runde vor eigenem Publikum gegen Basel den Titel perfekt machen. Gegen den amtierenden Meister. Im Stadion, das 2010 schon einmal Schauplatz einer historischen Qualifikation für die Champions League war.

Die Ironie: Je länger die Saison dauert, desto größer wird der Abstand. St. Gallen hat in den letzten fünf Spielen nur sieben Punkte geholt – Thun holte 15. Die Espen spielen noch um die Statistik, Thun schon um die Ewigkeit.

Und dann ist da noch der Faktor Dejan Sanches. Der Doppeltorschütze gegen St. Gallen steht mit 16 Treffern in der Torschützenliste vor Spielern wie Meschak Elia oder Jean-Pierre Nsame. Seine Tore kommen nicht aus dem Nichts – sie kommen aus einem System, in dem jeder Laufweg sitzt und jeder Ball gestochen ist. Thun trifft nicht, weil es muss – sondern weil es kann.

Die angst der liga

Die angst der liga

Die Super League hat ein Problem: Sie hat einen Meister, der nicht in der Champions League spielen darf. Die Lizenzregeln verlangen eine Infrastukturnote, die Thun nicht erfüllt. Die Lösung: Ein Titel würde die Espen in die Qualifikation schicken – und Thun müsste in der Europa League antreten. Die Folge: Die grösste Überraschung der Liga-Geschichte würde in der zweitklassigen europäischen Bühne versauern. Es wäre der erste Meister, der nicht zur Königsklasse darf. Ein Paradoxon, das die Liga umtreibt.

Aber das ist Morgen. Heute zählt nur: Thun gewinnt und gewinnt und gewinnt. Die Fans singen bereits „Wir sind die Meister“ – und selbst wenn es noch nicht offiziell ist, ist es wahr. Die 16 Punkte Vorsprung sind keine Lücke mehr, sondern ein Grab. St. Gallen darf noch bis zum Sommer trainieren – der Titel ist längst in Thun verreist.

Und wenn es am 27. April im Stadion Lachen gegen Basel soweit ist, wird nicht nur ein Titel gefeiert. Dann wird ein Märchen vollendet, das mit dem Abstieg 2022 begann und mit der Rückkehr 2023 seinen Anfang nahm. Thun spielt nicht mehr um den Titel – Thun spielt jetzt um die Legende.