Susana rodríguez: vom paralympics-turm zur markenbotschafterin spaniens
Sie trat als letzte ins Ziel ein und plötzlich stand ganz Spanien auf. Susana Rodríguez, die blinde Triathletin, die Tokio und Paris dominierte, schreibt jetzt eine neue Kategorie in die Chronik der spanischen Sportgeschichte: Erste Paralympics-Athletin, die von Felipe VI. zum Ehrenbotschafter von Marca España ernannt wird.
Die weihe in zarzuela
Im Salon de Embajadores des Palacio de la Zarzuela nahm sie das Diplom entgegen, begleitet von ihrem weißen Langstock und dem leisen Klacken der Prothese, mit der sie 750 Meter schwimmt, 20 km radelt und 5 km läuft. „Ihr Körper ist ein Atlas, auf dem Europa seine Rekorde trägt“, sagte der Monarch und meinte damit ihre sechs Europameisterschaften und sieben Weltmeisterschaften. Dass ausgerechnet eine Athletin mit nur 10 % Sehkraft das nationales Selbstbild repräsentiert, ist kein PR-Gag – es ist die logische Konsequenz einer Karriere, die Krankenhäuser und Kurslaternen gleichermaßen erhellt.
Denn Rodríguez ist nicht nur Schnellste auf der Strecke, sondern auch im Nachtdienst. Die 31-Jährige ist promovierte Medizinerin und ließ sich vor Tokio und nun erneut beurlauben, um „der Krebsforschung und der Startnummer gleich viel Raum zu geben“, wie sie gegenüber MARCA verriet. Ihre Kollegen im Universitätsklinikum von Vigo rechnen in Tagen, sie in Goldzeiten.

Ein barbie, ein time-cover und ein anruf aus zarzuela
Kein spanischer Sportler vor ihr schaffte den Sprung auf die Titelseite der Time, keiner bekam eine Barbie mit eigenem Gesicht und Rollstuhl, doch Rodríguez lacht über die Puppe: „Sie hat bessere Beine als ich, aber meine Prothese ist schneller.“ Die Zahlen sprechen für sich: 1:11:59 Stunden benötigte sie in Paris – das ist schneller als mancher Sehende im Hobby-Triathlon. Ihre einzige Konkurrentin ist der Wecker: Jeden Morgen um 5.30 Uhr, wenn sie im Atlantik startet, wo das Wasser so kalt ist, dass selbst die GPS-Uhr zittert.
Die Auszeichnung reiht sie ein neben Legenden wie Pau Gasol und Fernando Alonso. Der Unterschied: Rodríguez‘ Pokalschrank steht in einem Büro, in dem blinden Kindern Ultraschallgeräte erklärt werden. „Wenn meine Geschichte einem Mädchen mit weißem Stock zeigt, dass die Ziellinie nicht am Horizont endet, habe ich bereits gewonnen“, sagt sie und meint das wörtlich – denn sie kennt den Horizont nur aus Erzählungen.

Die botschaft, die kein logo ersetzt
Marca España will mit den neuen Botschaftern 1,4 Milliarden Euro Exportvolumen absichern. Doch Rodríguez liefert mehr als ein Logo: Sie liefert Beweise. Dass ein Land, das sich selbst nach der Krise neu erfindet, seine Zukunft auf Athleten setzt, die ohne Netz über den Abgrund laufen – oder schwimmen. Felipe VI. sprach von „geopolitischen Verwerfungen“; Rodríguez antwortet mit 180 Schlägen pro Minute im offenen Wasser. Spanien kann sich keine bessere Waffe im globalen Image-Kampf leisten als eine Frau, die im Dunkeln die Richtung weist.
Am Dienstag verließ sie den Palast, ging die Stufen hinunter – und zählte sie laut mit. 27 Stufen, 27 internationale Titel. Unten angekommen zog sie die Jacke enger. Die nächste Saison beginnt in drei Monaten, das Medical Board wartet, und irgendwo in Galicien beginnt ein kleines Mädchen gerade, sich vorzustellen, wie die Welt aussieht, wenn man sie in unter 70 Minuten umrunden kann. Die Antwort lautet: so hell wie Gold.
