Sonja henie: die eiskönigin, die hitler und hollywood bezähmte
Vor 90 Jahren, am 15. Februar 1936, schwang Sonja Henie in Garmisch-Partenkirchen ihre letzte Pirouette als Amateurin – und ließ Adolf Hitler persönlich ihre Goldmedaille umhängen. Drei Olympia-Triumphe, zehn Weltmeister-Titel, ein Imperium aus Eis und Zelluloid: Keine Athletin dominierte je so gnadenlos wie die Norwegerin, die mit 15 Jahren die jüngste Olympia-Siegerin wurde und mit 24 bereits Multimillionärin.
Mit hasenpfote und hitler-foto zur ikone
1924, elfjährig, rutschte sie in Chamonix bei ihrer Olympia-Premiere aus und rief „Hoppla!“ – das Boulevardblatt verpasste ihr das Label „Fräulein Hoppla“. Zwölf Jahre später posierte sie lachend neben dem Führer, der sie zum Berghof einlud und ein signiertes Foto schenkte. Die Deutschen nannten sie liebevoll „Häseken“, weil sie mit einer Hasenpfote als Glücksbringer um den Hals auf dem Eis stand. Henie ließ sich feiern, sie wollte es so. Ihre Kunst war nicht nur Sport, sie war Inszenierung.
Die Zahlen sind schlicht atemberaubend: 1927 bis 1936 blieb sie in zehn Weltmeisterschaften ungeschlagen. 1928, 1932, 1936 – Olympia-Gold. Keine Eiskunstläuferin vor oder nach ihr kam auch nur an zwei Titel heran. Katarina Witt? Zweimal. Alles andere ist Nebensache. Henie aber war erst 24, als sie sich vom Wettkampfzirkus verabschiedete. Der Abschied war kein Ende, sondern ein Startschuss.

Vom eis direkt ins filmstudio – und auf die gehaltsliste von 20th century fox
1936 unterschrieb sie bei Fox, bestand auf Namensnennung über dem Titel und kassierte 125.000 Dollar – ein Vermögen in der Weltwirtschaftskrise. Darryl F. Zanuck musste einsehen: Ohne Henie läuft nichts. Sie choreografierte ihre Szenen selbst, verlangte Kontrolle über jeden Sprung. Zwölf Eisrevue-Filme spielten zwischen 1937 und 1948 25 Millionen Dollar ein, umgerechnet über 500 Millionen heute. Henie wurde zur bestbezahlten Schauspielerin Hollywoods, ohne je eine Schauspielschule besucht zu haben.
Ihr Geheimnis: Sie verstand das Geschäft besser als die Männer um sie herum. Schon als Amateur verkaufte sie Autogrammkarten, ließ sich für Auftritte bezahlen – streng verboten, aber sie spielte das System. Später verlangte sie pro Film zusätzlich fünf Prozent an den Bruttoeinnahmen. Die Studios zahlten, weil das Publikum ihre Mischung aus Sport, Glamour und leicht verdaulicher Story verschlang.

Die diva, die man liebte und hasste
Henie ging mit Joe Louis boxen, mit Tyrone Power tanzen, mit Van Johnson flirten. Ihre Affären füllten die Klatschspalten, ihr Selbstbewusstsein schockierte die konservative Presse. Bruder Leif posthum: Sie sei „besessen von Geld und Sex“. Die Autorin Ansgar Molzberger präzisiert: „Beim Mann hieß es Karriere, bei ihr hieß es Ellbogen.“ Die Eiskönigin war keine Heilige, sie war ein Unternehmen mit Herzschlag.
Am 12. Oktober 1969 starb sie mit 57 Jahren an Leukämie, während ein Flugzeug sie nach Oslo zurückbringen sollte. Ihr Vermögen: geschätzt 50 Millionen Dollar. Ihr Erbe: das Henie Onstad Kunstsenter in Oslo, ein Betonbunker voller Moderne, der bis heute Künstler und Touristen anzieht. Die Eiskunstlauf-Welt hat ihre Nachfolgerin noch nicht gefunden. Vielleicht braucht sie sie auch nicht. Sonja Henie war einmalig – auf dem Eis und darüber hinaus.
