Simic kehrt zurück: montenegro wirft den nächsten wm-faustpfand
Nebojsa Simic spürt den kalten Hallenboden wieder unter den Knien. 15 Monate nach seiner Kreuzband-Operation steht der MT-Melsungen-Schlussmann in Vorbereitung auf die beiden WM-Quali-Kracher gegen Finnland – und Montenegro atmet auf.
Die rückkehr des „doppelkopfs“
Die Nominierung des 31-Jährigen ist mehr als ein Name auf Papier. Simic war vor seinem Kreuzbandriss jene Stütze, die Didier Dinarts Deckung hinten zusammenklebte, ein Organisator, der mit lauten Kommandos und 32-Meter-Bällen die Abwehrreihen dirigierte. Fehlte er, bröckelte die Rückraum-Deckung, die Gegner fanden Lücken wie Autobahnen. Die Statistik lügt nicht: Ohne Simic kassierte Montenegro im Schnitt 4,3 Tore mehr pro Spiel.
Nun also die Wiedergeburt. „Ich bin wieder bereit, jeden Ball zu fangen – und wenn er aus Beton ist“, sagte Simic am Telefon, während er zwischen zwei Torwart-Blocks in der hessischen Wettkampfhalle Kurzstöße absolvierte. Die Belastungssteuerung der letzten Wochen war engmaschig, die medizinische Abteilung von MT Melsungen schickte täglich Daten nach Podgorica. Ergebnis: 97 % Sprungkraft im Vergleich zur Pre-Verletzung-Phase, Reaktionszeit unter 0,42 Sekunden. Das reicht, um Dinarts Vertrauen zurückzugewinnen.

Finnland-duell: ein déjà-vu mit erhöhtem einsatz
Die Auslosung hat ein ironisches Gespür. Genau jene finnische Mannschaft, gegen die Simic 2023 beim 33:28 in Vantaa mit neun Paraden den Grundstein für die damalige Quali-Qualifikation legte, wartet wieder. Damals war er noch unverletzt, sein letztes Länderspiel, bevor es ihn riss. Nun tritt er dieselbe Bühne erneut – nur mit mehr Narben und einem verbesserten linken Bein.
Die Finnen haben sich neu erfunden. Trainer Ola Lindgren setzt seit der EM auf eine aggressive 5-1-Deckung mit fliegendem Rückraum, um Kreisläufer wie Vukic und Corsovic früh zu blockieren. Simic’ Reflexe auf den Kreis werden gefragt sein, denn die finnischen Rückraumsschützen Timo Kasten und Benny Broman schießen aus neun Metern mit 96 km/h. Hinzu kommt das mentale Duell: Simic kennt Lindgrens Lieblingsvarianten aus gemeinsamen Videoanalysen der Vorbereitung, Lindgren kennt Simic’ Schwäche bei halbhohen Ecken. Wer zuerst zuckt, verliert.

Dinarts neue garde
Montenegro geht mit zwei frisch gebackenen Torhütern in die Doppelbelastung. Neben Simic kehrt auch Nikola Matovic zurück, der sich einen Meniskus riss und seit Januar nur 21 Pflichtspielminuten sammelte. Die Frage lautet nicht nur: Wer startet in Vantaa? Sondern: Wer hält die Nerven, wenn in Podgorica 5.000 Fans das „Tor-Tor-Tor“-Chant anschlagen und die Finnen in Führung liegen? Dinart wird rotieren, kündigte er an, „um beide frisch zu halten für den möglichen Playoff-Knaller gegen Slowenien“.
Im Feld gibt es ein Novum. Emir Dulovic, 24, Rückraumspieler von Buducnost Budaörs, debütiert. Der 1,98-Meter-Linksaußen schoss in der ungarischen Liga 73 Tore bei 58 % Wurfquote und gilt als Geheimwaffe für die zweite Welle. Sein Vorteil: Dulovic kann beide Rückraumpositionen besetzen, was Dinart erlaubt, Cavor und Vujovic punktuell zu schonen. Verzichten muss der Franzose weiterhin auf Vuko Borozan (Syndesmose) und Stevan Vujovic (Schulter-OP). Die Leitung übernimmt damit zwangsläufig Luka Radovic – mit 101 Länderspielen der dienstälteste Feldspieler, obwohl er selbst erst 27 ist.
Die rechnung geht auf – oder sie platzt
Montenegro braucht vier Punkte, um die Playoff-Tür aufzustoßen. Alles andere würde das Aus bedeuten und Dinarts Job gefährden. Der Verband stellte die Option offen, im Mai bei Niederlage gegen Slowenien das Traineramt neu zu bewerten. Simic weiß das. „Wir haben keine zweite Chance, deshalb fliege ich Freitag schon zwei Tage früher nach Podgorica, um mit Lindgren und den Jungs das Finnland-Video zu zerreißen.“
Die Zahlen geben Mut: In den letzten fünf Heimspielen gegen Finnland gab es fünf Siege, Torverhältnis 161:137. Die Defensiv-Quote lag bei 38 % gewonnener Ballgewinne – nur Frankreich und Dänemark sind besser in Europa. Doch Statistiken nützen nichts, wenn Simic’ Knie in Minute 50 schmerzt oder sich ein Kreislauf-Blackout einstellt. Die WM-Tickets werden in 180 Minuten verspielt, nicht auf dem Papier.
Fazit: Mit Simic bekommt Montenegro seine Stimme zurück. Ob sie laut genug ist, um Finnland und anschließend Slowenien zu übertönen, entscheidet sich zwischen den Pfosten. Für Simic ist es mehr als ein Spiel – es ist die Bestätigung, dass Kreuzbänder nicht das letzte Kapitel schreiben.
