Shiffrin zittert sich zum historischen weltcup-sieg – aicher schon fast drin
Mikaela Shiffrin hat sich in Hafjel mit blanken Nerven und einer Attacke, die an Schwung kaum zu überbieten war, ihren sechsten Gesamtweltcup gesichert. Die 29-Jährige fuhr nach einem desolaten ersten Lauf nur noch auf Rettungsmission – und schaffte mit Platz acht im Riesenslalom genau die Punkte, um Emma Aicher auf Abstand zu halten.
Die Schwarzwälderin hatte nach Durchgang eins bereits den Champagner kalt gestellt. Rang drei, 1,24 Sekunden Rückstand auf Führungsläuferin Lara Gut-Behrami, das reichte theoretisch. Doch die Mathematik des Weltcups ist ein sadistisches Biest: Nur die ersten 15 erhalten Zähler, und Shiffrin lag nach 48 schwachen Sekunden auf Position 17. Ein Sturz, ein Fehler, und Aicher hätte das Zepter übernommen.
Die aufholjagd im zweiten lauf
Shiffrin wechselte in der Pause die Kanten, schraubte die Linie enger und jagte mit 63 km/h Topspeed durch die oberste Falltür. Die Zwischenzeit leuchtete grün – sie riss 1,08 Sekunden heraus, schob sich auf Rang acht und damit genau in die Punkteränge. Aicher, noch im Startbereitstellungsraum, sah die Anzeige und wusste: Jetzt muss sie gewinnen, um noch zu kontern. Der Sieg blieb aus, Platz drei reichte nicht.
Mit der Zitterpartie zieht Shiffrin mit Annemarie Moser-Pröll gleich. Sechs große Kristallkugeln – mehr hat noch keine Frau im alpinen Weltcup. «Ich habe heute nicht gut gefahren, ich habe nur noch gekämpft», sagte sie mit heiserer Stimme im ORF-Interview. «Aber das ist das Schöne am Sport: Man kann auch an schlechten Tagen gewinnen.»

Aicher wird zur echten bedrohung
Vor zwölf Monaten noch als Allrounderin mit Platz 15 in der Endabrechnung abgestempelt, hat Aicher diese Saison die Disziplinen gleichgeschaltet. Slalom, Riesenslalom, Super-G – überall landete sie in den Top Ten. Ihre Konstanz zwang Shiffrin, bis zum letzten Tor zu attackieren. «Emma hat mich gefordert wie lange keine mehr», gab Shiffrin zu. Die 22-Jährige aus dem Hochschwarzwald reiste mit 104 Punkten Rückstand nach Norwegen, holte im Finale 160 Zähler und verpasst die Sensation nur dank Shiffrins spätem Befreiungsschlag.
Die Saison 2023/24 wird als die engste der Geschichte gebucht. Shiffrin führt am Ende 1.550 auf 1.494 Punkte – ein Sechser im Lotto, keine Vier. Für Aicher bleibt die Erkenntnis: Die Krone ist nicht mehr unangreifbar. Shiffrin selbst blickt nach vorn: «Ich will jetzt die Sieben. Und vielleicht sogar die Acht.» Die Jagd beginnt von neuem, doch der Rekord ist jetzt erst mal eingestellt. Geschichte geschrieben mit zitternden Händen – und einem Lächeln, das die Erschöpfung nicht verbergen kann.
