Seixas-hype vor der tour: indurain mahnt zur ruhe – „der junge trägt verantwortung“

Paul Seixas jagt Tadej Pogacar über die Ardennen, Frankreich jubelt – und Miguel Indurain hält die Handbremse fest. „Man muss ein wenig Ruhe bewahren“, sagt der Fünffachtour-Sieger, während die Hexenküche rund um den 19-jährigen Franzosen brodelt.

Indurain warnt: „wenn er fährt und nichts erreicht …“

Die Worte klingen wie ein Eimer Schnee im Juli. Indurain, sonst ein Meister der Zurückhaltung, weiß, was passiert, wenn eine Nation ihr Herz an ein Talent verliert und dieses Herz plötzlich schneller schlägt als die eigenen Beine. „In Frankreich sind alle sehr begeistert, aber der Junge trägt Verantwortung. Wenn er fährt und nichts erreicht …“, sagt er zur Agentur EFE und lässt den Satz offen – die Leere dahinter ist lauter als jeder Warnruf.

Seixas selbst liefert die Argumente auf dem Berg: Er riss Pogacar in Lüttich-Bastogne-Lüttich kurz vor dem Zelf weg, ließ den Zweifachen Sieger zappeln und die sozialen Netzwerke explodieren. Ein Foto, aufgenommen aus dem Begleitmotorrad, zeigt Seixas’ Blick – stechend, schon fast zu ruhig für ein Teenager. Die Nachwirkung: Buchmacher kürzen seine Tour-Quoten, französische Zeitungen drucken Seixas neben Eddy Merckx-Filmplakaten, und Sporthändler in Grenoble melden 300-prozentigen Ansturm auf seine Team-Kapuzenpullis.

Experten uneins: vuelta statt tour?

Experten uneins: vuelta statt tour?

Alberto Contador schwelgt als Fan: „Ich will ihn in Frankreich sehen.“ Jens Voigt schüttelt nur den Kopf: „Druck ist gut, zu viel Druck ist ein Sprengsatz.“ Stattdessen schlägt der ehemalige Rekordetappenjäger eine geduldige Lehrfahrt bei der Vuelta vor – mehr Etappen, weniger Blitzlicht, dafür mehr Raum für Lehrgeld.

Indurain kennt beide Seiten. 1985 debütierte er als 19-Jähriger im Profilager, fuhr seine erste Tour lediglich als Helfer, stieg eine Woche vor dem Start in die Grande Boucle ein – „um zu sehen, was das für ein Rennen ist“. Seinen ersten Gesamtsieg holte er sechs Jahre später. Zeit, die heute niemand mehr zubilligt.

Pogacar bleibt referenz – „ein kleines bisschen mehr“

Pogacar bleibt referenz – „ein kleines bisschen mehr“

Indurain lässt die Kirche im Dorf, aber den König nicht außer Acht: „Pogacar hat ein kleines bisschen mehr als die anderen.“ Auch wenn Remco Evenepoel, Jonas Vingegaard oder Mathieu van der Poel Lücken finden – der UAE-Kapitän sitzt im Goldsattel, umgeben von einem Bombengeschütz an Helfern und einer Mentalität, die an Indurains eigene Dämmerungsfahrten erinnert.

Die Franzosen aber wollen endlich wieder einen Helden im eigenen Land. Seit Bernard Hinault 1985 das Gelbe Trikot nach Paris trug, warten 41 Jahre. Seixas trägt das Kürzel „PS“ auf dem Aerohelm – wie nachgeschrieben: Post Scriptum der Geschichte. Ob er 2024 unterschreibt, bleibt offen. Indurains Rat ist eindeutig: „Lasst ihn atmen, sonst erstickt das Talent.“

Die Uhr tickt. Noch 62 Tage bis Grand Départ in Florenz. Seixas wird entscheiden, ob er mitmischt oder abwägt. Die Tour wartet – sie ist geduldig, aber gnadenlos.