Sechs premier-league-klubs im champions-league-viertelfinale: rekord und risiko zugleich
Die Premier League dominiert die Champions League wie nie zuvor. Alle sechs englischen Teilnehmer haben die Achtelfinal-Hürde genommen – ein Novum in der 67-jährigen Geschichte des Wettbewerbs. Von Manchester bis London tobt die Frage: Läuft hier gerade die vollständige Kolonisierung Europas?
Guardiolas geheimwaffe trägt italienische handschuhe
Gianluigi Donnarumma ist längst kein Ersatzmann mehr. Der 27-Jährige hat sich beim Manchester City mit Reflexen aus einem anderen Film zum Stammtorhüter gespielt. Sein 2,96-Meter-Power-Paradequotient liegt 17 Prozent über dem Liga-Schnitt, die Expected-Saves-Statistik der UEFA listet ihn auf Platz eins aller noch aktiven Keeper. Pep Guardiola schwärmt intern von „einem Neuer mit italienischer Seele“. Die englische Presse indes fragt: Ist das der letzte Puzzleteil für Citys fünften Titel in sieben Jahren?
Doch der Schein trügt. Die englische Übermacht birgt eine Kehrseite. Die Auslosung vom Freitag liefert mindestens ein rein britisches Duell – wahrscheinlicher sogar zwei. Das bedeutet: Schon vor dem Halbfinale verschlingen sich die Top-Teams gegenseitig. Thomas Tuchel warnte gestern im Münchner Quartier: „Wenn Arsenal und Liverpool aufeinandertreffen, fliegt einer raus – und wir gucken zu.“

Fa-cup rutscht in die bedeutungslosigkeit
Während die Champions League glüht, verkümmert das älteste Fußballturnier der Welt zur Randnotiz. Zwölf Topklubs schickten in der 4. Runde B-Teams, die TV-Quoten brachen um 34 Prozent ein. Die FA verlegte Partien kurzfristig auf Montagabende, um Konkurrenz zu vermeiden – vergeblich. Fan-Vertreter sprechen von „beabsichtigter Degradierung“, die Premier League von „natürlicher Selektion“. Die Botschaft ist klar: Geld regiert, Tradition zählt nur noch im Programmheft.
Ein Mann hätte dagegen angekämpft: Giancarlo Galavotti, 42 Jahre Korrespondent der Gazzetta dello Sport in London, starb diese Woche mit 78 Jahren. Er übersetzte nicht nur Sprache, sondern Kultur. Seine Reportagen über die 90er-Viertelfinal-Helden von Leeds oder Gianfranco Zolas Zauber bei Chelsea machten italienische Kids zu Premier-League-Fans, bevor Sky Italia existierte. Ohne ihn gäbe es kein Paolo Avanti, keinen Podcast „In the Box“, keine regelmäßige Analyse der Insel. Die Kollegen Avanti, Stefano Cantalupi und Pier Luigi Giganti widmen ihm die laufende Episode – und damit einer Epoche, in der der Fußball noch Geschichten statt Shares erzählte.
Die Zahlen sprechen trotzdem für die Gegenwart: Englische Klubs kassieren 3,2 Milliarden Euro Medienerlöse pro Saison, 1,4 Milliarden mehr als die spanische LaLiga. Die Gehaltsmaschine dreht sich schneller als je zuvor. Harry Kane und Erling Haaland jagen in 54 Pflichtspielen 97 Tore – mehr als Messi und Ronaldo in vergleichbaren Phasen. Die Frage nach dem besten Duo der Moderne ist längst eine rein britische Angelegenheit.
Doch der Rekord der Sechs ist gleichzeitt ein Bumerang. Je mehr englische Teams im Wettbewerb bleiben, desto höher die Wahrscheinlichkeit interner Duelle – und damit Selbstvernichtung. Die UEFA-Ziehung am Freitag ist kein Glücksspiel mehr, sondern ein Kalkül mit nur zwei Ausgängen: Entweder die Premier League feiert das erste reine Halbfinale ihrer Geschichte. Oder sie frisst sich selbst – und lässt Real Madrid wieder einmal den Pokal stemmen.
