Schweizer stürmer jagen den nächsten torjäger-thron – fassnacht läuft heiß
Seit der Super-League-Reform 2003 haben nur sechs Eidgenossen die Torjägerkanone gehütet. Nun droht Christian Fassnacht der Sprung in diesen exklusiven Club – und das in einer Saison, in der das Pack der Young Boys öfter stolpert als es trifft.
Chapuisat eröffnete die schweizer gala, shaqiri aktualisierte sie
Stéphane Chapuisat war 2004 der erste. 24 Treffer für YB, 35 Einsätze, ein Vorsprung von fünf Toren auf den Togolesen Mohamed Kader. Damals ahnte niemand, dass die Schweiz 14 Jahre auf den nächsten nationalen Torschützenkönig warten würde. Hakan Yakin beendete 2008 die Durststrecke – als Mittelfeldspieler, versteht sich. 24 Tore, 32 Spiele, ein Kunststück, das heute noch in Bern zitiert wird, wenn der Espresso durch den Klubraum zischt.
Alex Frei schraubte die Messlatte höher: 27 Tore 2011, 24 ein Jahr später. Die Zahlen wirken aus einer anderen Zeit, weil sie es sind. Seitdem schwankte die Liga zwischen ausländischen Snipers und kurzlebten Schweizer Hoffnungsträgern. Albian Ajeti schaffte 2018 mit gerade einmal 17 Treffern die Krone – ein Wert, der Frei vermutlich lachen lässt.

Die 18-tore-marke reicht plötzlich wieder
Xherdan Shaqiri bewies 2025, dass die Latte wieder tiefer hängt. 18 Tore, 30 Jahre alt, Rückkehr ins Muttenzerländ. Kein Schweizer kam seit Frei an diese Zahl heran. Nun lauert Christian Fassnacht. 15 Treffer, Saison noch halb leer, dazu ein Konkurrent im eigenen Dress: Chris Bedia, ebenfalls 15 Mal erfolgreich, aber zunehmend Bankgast seit Essende die Bühne betrat.
Die Rechnung ist simpel: Fassnacht braucht vier Treffer, um Shaqiri zu überholen und zum siebten Schweizer Torschützenkönig der Reform-Ära zu werden. Vier Tore in 15 Partien – kein Hexenwerk, wenn man bedenkt, dass YB in dieser Phase dreimal gegen Kellerkinder und einmal gegen den FC Basel aufläuft. Die Chancenverteilung spricht für ihn: Fassnacht kommt auf 0,68 Tore pro 90 Minuten, Bedia nur auf 0,54. Die Bälle rollen in Richtung linkes Fassnacht-Foul, das weiss der ganze Wankdorf.

Die liste der schweizer torschützenkönige seit 2004
Chapuisat, Yakin, Frei (zweimal), Ajeti, Shaqiri. Kein Club dominiert, keine Position. Dafür ein gemeinsamer Nenner: Alle trugen das Nati-Kreuz, bevor sie den Gegner kreuzigten. Petric und Gashi? Fehlanzeige – ihre Tore zählen in dieser Statistik nicht, weil sie sich für andere Länder entschieden haben. Hart, aber konsequent.
Die Super League wird international gern als „Torarmut im Alpenvorland“ verspottet. Die Tatsache, dass 18 Treffen heute schon für Goldstaub reichen, scheint die Spötter zu bestätigen. Doch das Narrativ trügt: Die Liga ist jünger, schneller, defensiver organisiert. Die 30-Tore-Saison von Seydou Doumbia 2010 bleibt ein Ausreißer, kein Massstab. Fassnacht muss nicht mit Historie konkurrieren, nur mit den Gegnern von morgen.
Und die kommen: Basel nach der Winterpause mit Shaqiri, der sich selbst überholen will. St.Gellen mit Chadrac Akolo, der 2024 bereits 14 Mal traf. Lugano mit Zan Celar, der dieselbe Zahl auf dem Konto hat. Die Jagd ist offen wie selten zuvor.
Wenn Fassnacht am letzten Mai-Spieltag die Hände zum Kreis erhoben bekäme, stünde er nicht nur in den Geschichtsbüchern. Er würde auch die aktuelle Schweizer Fußball-Identität widerspiegeln: unterschätzt, schnell, torgefährlich aus zweiter Reihe. Die Super League hätte endlich wieder einen Helden, der kein Import ist. Und die Fans? Die würden ein weiteres Mal beweisen, dass 18 Treffen genug sind, um ein ganzes Land jubeln zu lassen.
