Scariolo entfacht real-feuer: 27-punkte-sieg schlägt wellen bis münchen
Ein Schlag in die Magengrube von Teneriffa, ein Seufzer der Erleichterung in Madrid. Sergio Scariolo stemmte die Faust in die Höhe, als hätte er selbst die Dreierkette gelöchert. 97:70 – die Zahlen liegen schwer auf der Anzeigetafel, doch der Coach wischt sie beinahe lächelnd beiseite: „Am Samstag steht wieder 0:0.“
Die lüge der drei-punkte-bilanz
Scariolo liebt es, das Spiel in Schichten zu zerlegen. Er spricht nicht von „Vorteil“, sondern von „Atempause“. Denn wer die vergangenen Wochen im Hinterzimmer der WiZink Center-Kabine verbracht hat, weiß: Es roch nach Desinfektionsmittel, Kniebandagen und schlaflosen Nächten. Edy Tavares laboriert an einer Sprunggelenksprellung, Ádám Hanga testet seine Schulter bei jedem Drehschritt neu. Die Final Four in Kaunas nagte am Kader wie ein Termitenbefeul.
Llull war der Zündfunke. 13 Punkte in fünf Minuten – ein Sturm, der Teneriffas Zone wie feuchtes Papier zerriss. Scariolo setzte ihn trotz der üblichen Rotation noch einmal von Beginn des dritten Viertels an: „Ich sah es in seinen Augen, bevor er es auf dem Parkett zeigte.“ Der Mallorquiner antwortet mit einem Dreier, der die Gästebank verstummen lässt, und einem Steal, der in einem Ally-oop endet. Plötzlich ist die Lücke 20, dann 25.

Die psychologie der nerven
„Wir haben den Monat mit den Zähnen gekaut“, erklärt Scariolo. Die Wortwahl ist bewusst rau – er will das Bild der Gequetschten, Gebeutelten. Denn im Basketball gilt: Ein Sieg schiebt nicht nur Punkte auf die Anzeige, sondern entlastet das zentrale Nervensystem. Die Datenanalysten sprechen von einer 23 % geringeren Cortisolbelastung nach klaren Heimsiegen. Der Coach lacht, als man ihn danach fragt: „Wenn die Zahlen helfen, gut. Ich brauche nur die Gesichter im Training morgen.“
Das Publikum ahnte nichts von den Mikrobrüchen, die das Team zusammenschweißten. Als Sergio Rodríguez den Ball nach einem Fast-Break nach oben schleuderte und Vincent Poirier ihn mit einer Hand in den Korb donnerte, explodierte die Halle – und vielleicht auch die letzte Faser an Angespanntheit im Kader.

Der countdown läuft
Kaum ist die Pressekonferenz vorbei, schon blinkt Scariolos Handy: Erinnerung an die Video-Session um 22:15 Uhr. Teneriffa wird andere Match-ups forcieren, die Zone wechseln, die Tempo-Schiene ölen. Der Coach grinst: „Sie werden uns alles abverlangen, und wir werden ihnen alles geben. Nur diesmal ohne die Last auf den Schultern.“
Am Samstag in der Pabellón Insular Santiago Martín stehen wieder zwei Körbe, 40 Minuten – und ein Kader, der bewiesen hat, dass er auch mit gebrochenen Rippen tanzen kann. Die Serie ist nicht entschieden, aber die Tonalität hat sich verändert. Madrid reist nicht mehr als Verfolger, sondern als Jäger mit frisch gewechselter Munition.
