Sarri zittert nach lazio-sieg: fans zurück, aber für wie lange?

Rom, 15. März, 23:43 Uhr – Das Olympico brülte wieder, und Maurizio Sarri spürte das Brummen in den Rippen. 1:0 gegen den AC Mailand, Platz drei rückt näher, die Meisterschaftsfavoriten auf -8. Doch der Coach sprach erst nicht über Taktik oder Tabelle, sondern über die Kurve. „Das war pure Gänsehaut“, sagte er nach dem Abpfiff, „ein Bild, das ich in Erinnerung behalten werde, selbst wenn wir verloren hätten.“

Die rückkehr der tifosi war nur ein gastauftritt

Weil die ultras sich nach monatelanger Boykottdrohung für dieses eine Spiel entschlossen, das Stadion wieder zu füllen, wirkte die Lazio-Startelf wie aufgedreht: Bälle rollten 0,3 Sekunden schneller, die Zweikampfquote stieg auf 58 %. Isaksen traf in der 63. Minute, Sarri flog in der 90. Minute wegen Protestes vom Platz – ein Happy End mit Handschellen. Doch der Jubel hat ein Verfallsdatum. „Ich weiß nicht, ob sie beim nächsten Heimspiel wieder da sind“, sagt Sarri und zuckt mit den Schultern. „Ich respektiere ihre Entscheidung, auch wenn ich sie nicht teile.“

Was klingt wie ein Nebensatz, ist ein Pulverfass. Seit Wochen schmoren Rom-Fans über Ticketpreise, Sicherheitsauflagen und mangelnde Identifikation. Der Kurzboykott war ihre AK-47: ein einziger Schuss, der das Management treffen sollte. Der Sieg gegen Mailand war deren Antwort – aber keine Garantie für dauerhaften Frieden. Sarri weiß das. „Wir haben heute gespielt, als stünde ein Finale an. Das ist keine Normalität, sondern eine Ausnahme.“

Die Zahlen sprechen für sich: Ohne Zuschauer holte Lazio in den letzten zehn Heimspielen nur 1,2 Punkte pro Partie. Mit Support gegen Milan sofort drei. Die emotionalen Zusatzpunkte wirken wie Doping, nur dass das Mittel ab nächster Woche wieder verboten sein könnte.

Die saison, die sarri „brutal“ nennt

Die saison, die sarri „brutal“ nennt

Der Trainer spricht mit heiserer Stimme. „Das ist das schwierigste Jahr seit meiner Rückkehr in die Serie A.“ Verletzungspech, enger Kader, Europa-League-Aus. Die Lazio mit 21 Spielern über 23 Jahren, dazu zwei verletzte Leistungsträger. Gegen Milan wechselte Sarri nur zweimal, weil er musste. „Wir sind müde, aber stolz.“ Das 1:0 war keine Taktikschau, sondern ein Kraftakt, der Milan die Luft abschnürte: nur zwei Torschüsse nach der Pause, 0,4 xG in der zweiten Hälfte.

Sarri verweigert sich dennoch dem Vergleich. „Wenn wir so weiterspielen, fallen wir in zwei Wochen in ein Loch. Die Jungs waren heute durch das Publikum geladen – das ist kein Standardzustand.“ Es ist das Dilemma des Trainers: Er will die Fans, braucht sie, darf sie aber nicht erzwingen.

Der Blick nach vorn: Lazio hat nun 46 Punkte, nur zwei weniger als der zweite Atalanta. Das neue Stadionprojekt „Flaminio 2032“ wirbt mit einem Render-Video, das Sarri nach dem Spiel neugierig anschaut. „Schön, aber zuerst müssen wir das alte Olympico mit Leben füllen – oder eben auch nicht.“

Am Sonntag kommt Empoli. Ob die Kurve dann wieder schwarz-hellblau leuchtet, entscheiden nicht die Tabelle, sondern WhatsApp-Gruppen und Telegram-Kanäle. Sarri wird wieder unter der Nordtribüne stehen, egal ob sie leer oder laut ist. Gewohnheit nennt er das. „Ich bin hier nicht der Clown, nur der Dirigent. Wenn das Publikum fehlt, spiele ich trotzdem weiter.“

Die Serie A tickt weiter, die Lazio auch. Aber das echte Spiel findet nächste Woche außerhalb des Rasens statt – zwischen Ultrà, Vorstand und der Frage, ob Emotionen ein Recht sind oder ein Produkt. Sarri hat seine Antwort schon parat: „Fußball ohne Menschen ist nur Fitness.“ Die Kurve muss nun entscheiden, ob ihr das reicht.