Santos spült geld und hoffnung in golden states trümmer
Gui Santos ballt die Hand zur Faust – nicht aus Wut, sondern aus purer Adrenalin. In der Nacht, in der er sein neues Dreijahrescontract über 15 Millionen Dollar unterschreibt, schläft er nur drei Stunden. „Meine Eltern dachten, ich würde ihnen sagen, dass ich Vater werde“, lacht der Brasilianer, während die Lichter von San Francisco draußen durch das Hotelfenster flackern. Inside draußen wartet ein Team, das gerade seine Seele verloren hat.
Die Golden State Warriors sind abgestürzt. Jimmy Butler fällt mit einem Kreuzbandriss für die Saison aus, Stephen Curry humpelt mit einem Knie, Kristaps Porziņģis feierte erst vor einer Woche sein Debüt. Platz neun im Westen, 32 Siege, 32 Niederlagen – das ist nicht Playoff, das ist Reality-TV ohne Happy End. In genau diesem Scherbenhaufen aber blüht Santos auf wie eine Lotuspflanze im Ölteich.
Von draft pick 55 zum 15-millionen-mann
201 cm groß, 23 Jahre alt, Pick 55 im Draft 2022 – normalerweise ein Ticket für die G-League-Buslinie. Santos aber hat sich in Santa Cruz nicht nur Muskeln, sondern einen NBA-Abschluss erarbeitet. Februar: 15,1 Punkte im Schnitt, 41,3 % Dreierquote, 30 Minuten Spielzeit. Zahlen, die Steve Kerr mit einem Satz kommentiert: „Er ist unser Energiepaket, unser Notarzt und un begnadeter Shooter – alles in einem.“
Die Transformation war schmerzhaft. In Brasilien spielte er Point Guard, balldominant, mit der Baskette im Rücken. In Oakland musste er lernen, sich ohne Ball zu bewegen, Defense zu spielen, Rebounds zu klauen. Draymond Green erinnert sich an ein vergangenes Sommertraining: „Gui hat mich 20 Minuten lang verfolgt, bis ich ihm sagte: ‚Okay, du bist jetzt NBA-tauglich.‘“
Die Karriere beginnt auf staubigen Straßenplätzen in Brasília. Mutter hört auf zu spielen, als er geboren wird, Vater spielt 20 Jahre lang auf halbprofessionellem Niveau. „Wenn du in Brasilien Freunde willst, spielst du Fußball“, sagt Gui. „Aber ich hatte nur Augen für den Korb.“ Mit 16 verlässt er das Elternhaus, schläft im Fanblock des Minas Tênis Clube, wäscht seine Trikots selbst. Ein Jahr später steht er im Profikader, zwei Jahre später im Draft, drei Jahre später im Oracle.

Die nacht, in der neymar zu curry wird
Als Reporter ihn fragen, wer der brasilianische Stephen Curry sei, antwortet Santos ohne Zögern: „Neymar. Der zieht aus 30 Metern ab und trifft – genau wie Steph.“ Die Antwort klingt wie ein Twitter-Meme, ist aber Programm. Santos will nicht nur Follower, er will Kultur. Am Tag nach dem Vertragsabschluss schickt er Curry eine Voice-Note: „Komm zu meiner Hochzeit nach Brasilien!“ Curry lacht, schickt zurück: „Nur wenn du in Game 7 triffst.“
Die Warriors haben in dieser Saison nichts mehr zu verlieren. Deshalb lassen sie Santos jetzt spielen, bis die Sohlen glühen. Gegen Denver klingelt er 22 Punkte, gegen Phoenix 25, inklusive dem Siegdreier aus der Logo-Zone – ein Schuss, den er als Kind tausend Mal auf dem Beton nachgestellt hat. Die Fans im Chase Center skandieren „Gui! Gui! Gui!“, während Kerr auf der Bank sitzt und denkt: „Vielleicht ist das der neue Barbosa, nur mit besserem Dreier.“
Die Saison ist im freien Fall, aber Santos ist der Fallschirm. Die Franchise sucht nicht mehr nach dem nächsten Titel, sondern nach dem nächsten Gesicht. In Brasilien schalten Fernsehsender um 3 Uhr morgens ein, um seine Spiele zu zeigen. In Oakland verkauft der Teamshop bereits T-Shirts mit der Aufschrift „55 to alive“. Die Zahl steht für seinen Draftplatz, das Wort für seine Mission.
Am Ende der Pressekonferenz fragt ein Reporter, ob er sich als nächster großer brasilianischer NBA-Star sieht. Santos zuckt mit den Schultern, dann kommt der Satz, der in den Kolumnen stehen bleibt: „Ich will nicht der nächste Varejão sein. Ich will der erste Gui.“ Die Antwort ist nicht arrogant, sie ist einfach wahr. Und während die Warriors vorerst auf Playoffs verzichten müssen, haben sie etwas gefunden, das fast wichtiger ist: einen neuen Glauben – mit brasilianischem Pass, Lockenhaar und einem Dreier, der wie Samba klingt.
