Sánchez zieht in madrids schach-café den nächsten zug

Pedro Sánchez spielte gestern im Gambit Café in Malasaña – und blieb eine Stunde länger als geplant. Gegen ihn saßen ein neunjähriger Weltmeister und eine blinde Weltmeisterin.

Der premierminister auf feld e4

Um 18:45 Uhr betrat Spaniens Regierungschef das winzige Lokal in der Calle del Barco. Eigentlich wollte er nur Grüße entbieten, doch als Sabrina Vega, fünfmalige spanische Meisterin, das Brett aufklappte, setzte sich Sánchez. Ein Fotograf fing ein leichtes Zögern ab – dann spielte er 1. e4. Vega antwortete mit der Sizilianisch-Variante, und die Runde begann.

Die Partie dauerte 23 Minuten. Sánchez opferte einen Springer, um einen Freibauern zu erhalten, doch Vega konterte präzise. „Er kennt die Theorie“, sagte sie hinterher, „aber die Uhr war sein Feind.“ Die Uhr – jede Partei lief auf Glocke – tickte unerbittlich. Als der Premiermineral auf 1:30 Minuten Restzeit runter war, bot er Remis an. Vega lehnte ab und zwang ihn nach 42 Zügen zur Aufgabe.

Die zweite Herausforderung kam von Marc Barceló, der mit neun Jahren bereits U-10-Weltmeister ist. Der Junge trug eine Karikatur von Magnus Carlsen auf seinem Hoodie und schlug Sánchez in 18 Zügen. „Ich habe einfach mein Lieblingsopfer gemacht“, sagte er und meinte die Grünfeld-Indische Eröffnung. Die Erwachsenen lachten, doch das Lachen erstickte, als die Analyse zeigte: Barceló hatte keine einzige Fehlbewertung.

Die dritste Partie war die stillste. Daniel Pulvett, 2025-Weltmeister im Blindenschach, saß mit brauner Brille vor dem Brett. Er spielte „blind“, also ohne das Brett zu sehen, während ihm ein Assistent die Züge ansagte. Sánchez verlor eine Qualität im Mittelspiel, doch Pulvett bot Remis an, als er merkte, dass der Politiker seine Dame zu tief im feindlichen Lager hatte stehen lassen. „Ich wollte nicht, dass er zu spät kommt“, sagte Pulvett. Die Geste wurde mit Applaus quittiert.

Schach als neue kampagnentaktik

Schach als neue kampagnentaktik

Im Regierungslager gilt Schach längst als Trainingsgerät. Iván Redondo, früherer Kabinettschef, pflegte Partien auf dem iPad, um „Zwischenzüge“ in der Politik zu visualisieren. Sánchez übernahm den Tick: In seiner Aktentasche liegt ein magnetisches Reisebrett. Im Wahlkampf 2019 ließ er sich in Calatayud gegen einen Schachbundestrainer zwangsremisieren – und nutzte die Bilder für Social Media.

Das Gambit Café profitiert vom Besuch sofort. Inhaber Luis Ochoa kündigte an, ab Oktober wöchentliche „Ministerialsimultan“-Events zu veranstalten: Drei Euro Eintritt, unbegrenzte Partien, Preise in Form von Ministerien-Kaffeetassen. Die Website brach gestern kurzzeitig zusammen, nachdem ein TikTok-Video des Premier mit dem Hashtag #ajedrezsolidario viral ging. Die Nachfrage nach Mitgliedschaft im lokalen Schachclub stieg um 240 Prozent.

Gegen 20:10 Uhr verließ Sánchez das Lokal. Vor der Tür warteten bereits zwei Schülergruppen mit Brettern. Der Premierminister unterschrieb Autogrammkarten – und zog einen letzten Zug: Er kündigte eine landesweite Schach-Meisterschaft für Schulen an, finanziert aus Kulturfonds. Ob das Spiel taugt, um politische Figuren zu schlagen, wird sich zeigen. Fakt ist: In Malasaña wurde gestern kein König geschlagen, aber ein Image gewonnen.