Sabrina wittmann schreibt in ingolstadt geschichte – und macht 35 jahre jung die männerwelt alt aus

Ingolstadt hat sie verlängert, die 3. Liga hält sie seit zwei Jahren in Atem: Sabrina Wittmann, 34, ist Deutschlands einzige Profi-Trainerin bei den Männern – und längst kein Experiment mehr.

Ein anruf im frühjahr 2024, ein vertrag bis 2026

Michael Kollner musste gehen, die Geschäftsführung griff zum Hörer. „Mach du weiter“, sagten sie der bisherigen U-23-Chefin. Seitdem hat Wittmann zwei Mittelfeld-Jungs zu Stammkräften gemacht, die Bayernpokal-Trophäe geholt und den FC Ingolstadt 04 sicher vor dem Abstiegsstrudel gehalten. Die Tabelle lügt nicht: 42 Punkte in der Vorsaison, 47 jetzt. Zahlen, hinter denen ein Team steht, das sie „Chefin“ nennt – ohne Anführungszeichen.

Miroslav Klose weiß, wie sich das anfühlt. Als Weltmeister-Trainer der U-17 beobachtete er sie, beide wurden gemeinsam von der WELT porträtiert. „Ihre taktische Präzision erinnert mich an die ersten Jahre von Tuchel“, sagt der einstige Torjäger. Eine Ansage, die wiegt. Denn während Hansi Flick, 58, derzeit ohne Job ist, arbeitet Wittmann mit 35 schon an ihrer zweiten kompletten Saison. Rangnick hatte in dem Alter erst 14 Spiele auf der Bank der Profis.

„Ob frau oder mann – sie kann einfach fußball“

„Ob frau oder mann – sie kann einfach fußball“

Das sagt Mittelfeldantreiber Maximilian Wolfram, 23, nach dem 2:0 in Dresden. Er spielte unter drei männlichen Coaches, bevor Wittmann kam. „Sie erklärt dir deinen eigenen Laufweg, bevor du ihn gedacht hast“, schwärmt er. Die Kabine hört zu, weil die Trainerin Kalabrien-Kennerin ist. Als Kind verbrachte sie dort Ferien, schaute Klose beim Training, lernte italienische Spielphilosophie. Später studierte sie Sportwissenschaften in Leipzig, arbeitete mit Datenanalysten aus der NFL. Die Amis lieben ihren Satz: „Taktik ist Schach mit 22 Figuren.“

Doch die Wirklichkeit bleibt hart. DFB-Statistik: 0,4 Prozent aller Lizenz-Trainerinnen arbeiten bei Männer-Profis. Wittmann spürt das, wenn Gegner-Fans brüllen: „Raus aus der Kabine!“ Sie lächelt dann nur, weil sie weiß: Ihre Jungs würden für sie durch die Wand rennen. Torhüter Marco Hiller, 26, erzählt, wie sie vor dem Elfmeterschießen in Unterhaching jeden einzeln zog: „15 Sekunden Blickkontakt, keine Worte. Wir haben alle getroffen.“

35 Im juli – und kein ende in sicht

35 Im juli – und kein ende in sicht

Der neue Kontrakt gilt bis 2026, Option auf 2027. Sportdirektor Thomas Linke, 54, spricht von „langfristiger Identifikation“. Dahinter steckt eine Rechnung: Ingolstadt spielt mit dem jüngsten Kader der Liga, die Gehälter bleiben moderat. Wittmann macht Talente reif, verkauft sie teurer. Ein Modell, das funktioniert. Nächster in der Pipeline: Innenverteidiger Pascal Testroet, 19, bereits im Visier von Union Berlin.

Die Frage nach dem Bundesliga-Job wird lauter. Union, Augsburg, Bochum – all jene, die im Winter trennten, schauten sich Ingolstadt an. Wittmann lehnte ab. „Ich baue lieber ein Haus, als ein Zelt abzustecken“, sagt sie. Ein Satz, der in der Führungsetage für Raunen sorgt. Denn wenn Ingolstadt 2025 aufsteigt – die Mathematik spricht dafür –, wäre sie mit 36 die jüngste Erstliga-Trainerin der Geschichte. Die Liga hätte dann eine Frau an der Linie, die nicht für Quoten, sondern für Punkte steht.

Am Freitag gastiert der Tabellendritte beim FC Bayern II. Wittmann wird wieder in der Coaching-Zone stehen, Kopfhörer, Blick wie ein Laser. 90 Minuten, in denen niemand an Geschlechterquoten denkt. Nur an Aufstieg. Und wenn sie dann nachts nach Ingolstadt zurückfährt, schaut sie vermutlich ein altes Video von Klose an. Tor Nr. 16, WM 2014. Die Fußballlehrerin, die einst als Mädchen vor dem TV saß, lehrt nun selbst. Die Serie geht weiter – und die Geschichte auch.