Rydzek nimmt abschied: 301 starts, 7 gold, ein letzter flug
Oslo – die Stadt, in der einst Sondre Nordheim seine ersten Hügel bezog, wird am Sonntag Johannes Rydzek' Bühne für den letzten Sprung. Der 34-jährige Oberstdorfer wird nach 301 Weltcup-Einzelstarts die Skier gegen die Wand stellen – eine Zahl, die nur einen Start hinter dem japanischen Langzeit-Rekord von Akito Watabe liegt und die kein deutscher Kombinierer je überbot.
18 Siege, fünf Olympia-Teilnahmen, viermal Weltmeister in Lahti 2017 – die Statistik lässt sich in Sekunden runterbeten. Doch hinter jeder Ziffer steht ein Mann, der sich seit November 2008 durch Eiseskälte, Schanzen-Nächte und TV-Termine geschaukelt hat. „Es ist Zeit, Lebewohl zu sagen. Der Moment fühlt sich richtig an. Gleichzeitig tut es aber auch weh“, sagt Rydzek vor dem Weltcup-Finale auf dem Holmenkollen.
Der absturz, der das ende beschleunigte
Letzte Woche, Teamsprint in Val di Fiemme: Vinzenz Geiger rutscht zweimal weg, Rydzek' letzte Medaille zerbricht im Schnee. „Da habe ich gemerkt, dass der Körper zwar noch kann, der Kopf aber Ruhe will“, gibt er zu. Die Entscheidung reifte nicht über Nacht, sondern schon seit dem Sommer, als er merkte, dass die Vorfreude auf 4.30 Uhr-Wecker und Bergintervalle schwindet.
Seine Frau, seine zwei Kinder, die elterliche Metzgerei in Oberstdorf – all das zog stärker als der Duft von Red-Bull-Flugshow und Schanzen-Ruhm. „Ich möchte der Kombination in irgendeiner Form erhalten bleiben“, sagt er. Trainerposten? TV-Experte? Rydzek schweigt, lächelt nur. Die Tränen werden wohl kommen, wenn er nach 134 km Langlauf und einem Sprung auf der riesigen Kulisse seine Stöcke in die Luft wirft.

Was bleibt, ist ein neuer maßstab
Seit 2010 verpasste er kein Großereignis – eine Serie, die inzwischen auch Geiger und Terence Weber anstreben, aber noch lange nicht in seinem Schatten stehen. Deutschlands Sportler des Jahres 2017 wird am Sonntag nicht nur Abschied nehmen, sondern auch einen Lehrplan hinterlassen: wie man nach Niederlagen wieder auftsteht, wie man nach Pyeongchang mit Gold um den Hals trotzdem um 5 Uhr joggt.
Der Holmenkollen wird sonntags um 11.30 Uhr zum Open-Air-Kino der Emotionen. Wer live dabei ist, wird einen Mann sehen, der sich die Schneebrille hochzieht, damit niemand die Tränen sieht. Und wer nur die Zahlen betrachtet, wird verstehen: 301 Starts, 7 Weltmeisterschaften, 1 Olympiasieg – das ist nicht nur Karriere, das ist ein Stück Sportgeschichte, das sich am Sonntag endgültig schließt.
