Rosa-hero verpasst anruf des portugiesischen präsidenten – milan versinkt im frust
Der Mann in Rosa nimmt sechs Sekunden mit, aber nicht das Handy. Tadej Pogačar, frisch in das Maglia Rosa geschlüpft, ignoriert den Anruf von Marcelo Rebelo de Sousa – er hält den Staatschef für einen aufdringlichen Reporter. Drei Stunden später bricht das andere große italienische Kredo zusammen: Milan enttäuscht erneut, die tifosi verlassen die Rennstrecke, als wäre es ein verregneter Montag in Serie A.
Die flucht, die niemand mitbekam
Früh draußen: Bais und Tarozzi, zwei Namen, die selbst im Peloton für Kopfzerbrechen sorgen. Ihr Vorsprung schrumpft auf dem Passo dello Ginestro wie ein Wollpullover in der Hitze. Die Drohne filmt ein Bild, das nach Sommerfeuer riecht: Rauch aufsteigend von einem Glockenturm, Farbe zwischen Koralle und Alarmrot. Dahinter das Meer, so scharf, dass es schneidet.
Die Strecke läuft rückwärts: Sanremo–Milano, nicht andersherum. Ein Gedanke an Samuele Privitera, der hier hatte stehen sollen, nicht nur im Fernsehen. Seine Mutter steht in Ovada, hält eine halb gegessene Focaccia, als könnte sie ihn zurückholen, wenn sie nur lange genug wartet.

Stella, pertini und der abgrund
Die Gruppe schlängelt sich über die Brücke des Orba, das Wasser darunter glitzert wie gestreutes Goldstaub. Die Fahrer wirken geschrumpft, Puppen in einem Diorama namens „Italien im Mai“. Die Sekundenbonus-Maschine Pogačar nimmt wie nebenbei sechs Zähler mit – keine Show, keine Geste, einfach Mathematik. Doch die Mathematik nützt nichts, wenn das Handy klingelt und du denkst, es sei wieder dieser Journalist aus Lissabon, der nach dem dritten Espresso dieselbe Frage stellt.
Milan? Die Rossoneri haben sich in den letzten drei Wochen in alle Richtungen verlaufen. Kein Sieg, kein Drama, nur ein lauwarmer Kaffee, der seit Monaten im Becher steht. Die Fans skandieren nicht mal mehr Buh-Rufe, sie wissen: Der Gegner ist oft man selbst, nur in schlechter Form.
Die rosa Rauchwolke über den Dächern von Ovada verflüchtigt sich. Die Straße führt weiter nach Norden, Richtung Heimat der Campionissimi, wo Coppi und Bartali einst die Zeit teilten. Pogačar trägt das Rosa, aber das Telefon bleibt stumm. Milan trägt die Hoffnung, aber die passt heute nicht mal in die Trikot-Tasche. Das Rennen ist vorbei, die Saison nicht. Und irgendwo klingelt noch ein Handy – vielleicht ist es das des Präsidenten, vielleicht das des nächsten Enttäuschten.
