Richarlison schlägt in der 90. minute ein: liverpool verspielt den platz am sonntag

Liverpool hatte bereits die Champions-League-Pulsuhren ausgepackt, da trat Richarlison in der Nachspielzeit an und riss den Anfield-Rythmus mit einem einzigen Schlenzer in die Maschen. 1:1 – der Spitzenreiter von der Insel bleibt Vierte, Tottenham schnappt sich einen Punkt, der so bitter schmeckt wie kalte Scouse.

Szoboszlai zaubert, aber die krönung folgt auf dem fuße

Der Ungar hatte die Partie schon in der 18. Minute mit einem Freistoß aus 22 Metern angezündet – kein Run-up, nur ein Seitenstrampler, der sich wie ein Bumerang in den Winkel legte. Die Kopfmikrofone der TV-Leute kreischten, die Tribüne glaubte an den nächsten Schritt Richtung Meisterschaft. Doch Fußball schreibt keine Drehbücher, sondern Krimis.

Über 70 Minuten kontrollierte Liverpool Tempo und Ball, Tottenham wirkte wie eine Studentenband, die versehentlich auf der Hauptbühne landete. Postecoglou stemmte die Hände in die Hüften, schickte Son und Kulusevski als Doppelspitze, doch Alisson hatte wenig mehr zu tun als ein paar Schüsse aufs warme Knie.

Dann die 90. Minute. Perisic flankt halbhoch, Romero verlängert mit der Stirn, der Ball segelt durch den Sechzehner wie ein Lotteriecoupon – und Richarlison, zuvor 83 Minuten unsichtbar, dreht sich an den Fünfmeterraum, lässt Van Dijk stehen und donnert die Kugel unter die Latte. Anfield verstummt, nur die 3.000 Spurs-Fans träumen laut.

Die tabelle lügt nie – und sie lacht über liverpool

Die tabelle lügt nie – und sie lacht über liverpool

Mit 57 Zählern bleibt Liverpool auf Platz fünf, zwei Punkte hinter Arsenal, die gestern spät gegen Brentford gewannen. Die Red Devils profitieren indirekt: Bruno Fernandes schraubte gegen Brighton seinen 19. Assist dieser Saison und stellte den Premier-League-Rekord ein. Der Titelrennen-Dreikampf wird zur Zitterpartie, denn City patzte am Samstag in Wolverhampton.

Für Jürgen Klopp ein Déjà-vu: seine Mannschaft dominiert, verpasst aber die Vier-Metertörtchen. Die xG-Werte zeigen 2,4 zu 0,9 – Zahlen, die nach Sieg riechen, aber nur einen Punkt liefern. „Wir haben die Tür offengelassen und sie sind reingelatscht“, sagte der Coach mit schwerer Stimme. „So verliert man Titel, nicht nur Punkte.“

Tottenham hingegen atmet auf. Der Brasilianer, für 60 Millionen Pfund von Everton geholt, hatte zuletzt mit Magen-Darm-Problemen und mangelnder Torgefahr zu kämpfen. Sein Treffer war nur der zweite Ligatreffer in diesem Kalenderjahr – und könnte am Ende die Differenz zwischen Europa League und Abstiegschaos bedeuten.

Die Meisterschaft? Sie bleibt offen wie ein Tor in der 90. Minute. Und Liverpool muss nächste Woche nach Old Trafford – ohne Punkte dort wird selbst die Champions League zur Schatzsuche. Richarlison jedenfalls flog mit seiner Crew nach London, in der Kabine lief „Last Christmas“ – im März, versteht sich. Der Fußball hat seine eigenen Kalender.