Riccardo riccò lebt zwischen eiscreme und watt – der cobra beißt noch

Riccardo Riccò zählt keine Giro-Etappen mehr, sondern Kugeln Eis. In Vignola hinter Modena steht er seit zehn Jahren hinter dem Tresen von „Chocoloco“, doch die Beine, die einst Bergrecords pulverisierten, zucken noch immer, wenn ein Profi seine Werte auf Strava postet.

Die lebenslange Sperre wegen Dopings und Handels mit Substanzen traf ihn 2012. Bis 2025 sollte es nur eine Auszeit sein, dann kam der nächliche Handelvorwurf – und die Karriere war für immer erledigt. „Ich habe vor Gericht bewiesen, dass ich kein Dealer war, aber die Sportjustiz wollte mich weg haben“, sagt er rau und ohne Selbstmitleid.

Die autologe transfusion, die fast tötete

Den Tiefpunkt markiert ein Nachmittag in seiner Wohnung. Riccò kocht sein eigenes Blut, spritzt es zurück – die Methode, die keine positiven Tests liefert, aber lebensgefährlich ist. Das Bakterium erwischt ihn, die Niere bricht weg, die Notärzte retten ihn in letzter Sekunde. „Ich war zwanzig und dachte, ich sei unsterblich“, sagt er. Die Depression danach sei kein Klischee gewesen, sondern ein „Loch, aus dem man sich selbst rausziehen muss“.

Heute fährt er wieder, aber anders. Dreimal die Woche schraubt er das Rennrad aus dem Laden nebenan. Acht Amateure betreut er mit Trainingsplänen, die er auf Basis seiner alten SRM-Daten erstellt. „Ich vergleiche mich mit den Zeiten der Giro-Stars – und liege nur drei Prozent dahinter“, lacht er, während er Pistazieneis portioniert. Die Wunden der Ehre sind vernarbt, nicht vergessen.

Keine ausreden, nur ein schmutziges system

Keine ausreden, nur ein schmutziges system

Riccò redet nicht um den heißen Brei. Ja, er hat gedopt. Ja, er war Teil eines Marktes, der nur funktioniert, weil Manager, Ärzte und Funktionäre mitverdienen. „Schaut euch die Liste der Sieger an – fast alle wurden erwischt, nur Cunego und Bettini nicht“, sagt er und wischt sich Schokolade vom Finger. „Wenn Millionen auf dem Spiel stehen, wird gehandelt, bis die Polizei vor der Tür steht.“

Die Kundschaft in Vignola kennt die Geschichte. Manche fragen nach Selfies, andere nach Trainings-Tipps. Ein Großvater bringt seinen Enkel: „Der soll vom Profi lernen, aber bitte ohne Spritzen.“ Riccò nickt, verkauft ein doppeltes Stracciatella und weiß: Er kann das Rad nicht zurückdrehen, aber er kann die nächste Runde mit offenen Karten fahren.

Abends schließt er die Ladenklappe, zieht die Latzhose aus und springt aufs Rad. Die Applikation zeigt 380 Watt Normalized Power – ein Wert, der in der WorldTour noch mitfahren dürfte. Der Cobra beißt nicht mehr, aber er beißt sich fest in die Strecke. Und das reicht.