Reyes’ letzter treffer: spaniens rückkehr zum torschützen, der nie wieder spielte

Am Dienstag trifft Spanien in Cornellà auf Ägypten – und schaut dabei unweigerlich zurück auf einen Mann, der genau dort vor 18 Jahren eine Fallrückziehung in die obere linke Ecke zauberte und nie wieder für La Roja auflief. José Antonio Reyes, am 1. Juni 2019 bei einem Unruheherz infarziert, bleibt die lebende Erinnerung daran, wie schnell Genialität vergehen kann.

Der freistoß, der seine karriere krönte – und beendete

3. Juni 2006, Estadio Manuel Martínez Valero in Elche. Spanien gegen Ägypten, letzter Test vor dem WM-Trip nach Deutschland. Reyes steht 25 Meter vor dem Tor, El-Hadary tänzelt in der Box. Ein Schritt, ein Kontakt, der Ball fliegt auf lateinamerikanische Art – nicht mit brutaler Wucht, sondern mit diesem seidigen Schlenker, der Torhüter in Statisten verwandelt. 2:0, Spiel gelaufen, Reyes als Man of the Match. Was niemand ahnte: Es war sein letztes Länderspiel-Tor überhaupt.

21 Einsätze, vier Treffer, eine Bilanz, die ihn in die Rubrik „Kurzzeit-Proviant“ der spanischen Fußballdynastie rückt. Dabei war er kein Mann für Statistiken, sondern für Momente. Sein Debüt in Guimarães (0:3 gegen Portugal) ebnete Fernando Torres den Weg, doch Reyes glänzte mit Dribblings, die sich anhörten, als würde der Rasen seufzen. Die beiden WM-Minuten in Kaiserslautern (69 gegen Saudi-Arabien) reichten, um die Zuschauer wissen zu lassen: Das hier könnte mehr werden. Es wurde nichts.

Luis aragonés’ zweifel und das ende einer ära

Luis aragonés’ zweifel und das ende einer ära

„Manchmal berühren wir zu viel“, haderte der Altmeister nach dem 2:0 gegen Ägypten. Er meinte Reyes, der zwischen den Linien tanzte, aber selten die letzte Antwort kannte. Drei Monate später saß Reyes in Belfast 90 Minuten auf der Bank, Spanien verlor 2:3, die „Tiki-Taka-Krise“ nahm ihren Lauf. Raúl flog raus, Reyes auch. Del Bosque übernahm, holte den Titel, vergaß Reyes nie ganz, rief ihn aber nie wieder. Der Flügelspieler feierte danach Europa-League-Pokale mit Atlético und Sevilla, doch die rote Nationaltrikot blieb im Schrank.

Die Zahlen sind gnadenlos: 21 Spiele in fünf Jahren, dann nicht ein einziger weiterer Auftritt. Drei Trainer, vier Turniere, null Durchbruch. Dennoch – wenn heute die junge Generation um Pedri und Gavi den Ball durch die Linien wirbelt, schlagen ältere Fans mit der flachen Hand auf die Oberschenkel und rufen: „Reyes hätte das mit einem Touchlinie pass gelöst!“

Warum dieses spiel in cornellà mehr ist als ein freundschaftsspiel

Warum dieses spiel in cornellà mehr ist als ein freundschaftsspiel

Das RCDE Stadium liegt nur 15 Kilometer vom Flughafen entfernt, von dem Reyes startete, um nach Extremadura zu fliegen – jener letzten Reise. Die Spanische Fußball-Föderation nutzt das Ägypten-Treffen, um die Humanitäre Stiftung des Verbands zu befördern; sie spendet pro verkauftem Ticket einen Euro an Verkehrsopfer-Projekte. Ein kleiner Kreis, der sich schließt.

Trainer De la Fuente hat Lamine Yamal erstmals nominier, 16 Jahre jung, geboren nach Reyes’ Debüt. Wenn der Junge dribbelt, werden Kameras zwangsläufig auf Reyes’ alte TV-Bilder umschalten. Vergleiche sind unfair – und trotzdem unausweichlich. Denn Spanien sucht seit Reyes’ Tod einen Linksfuß, der nicht nur flanken, sondern zaubern kann.

Die Statistik zeigt: In 21 Länderspielen erzielte Reyes vier Tore – einer alle 189 Minuten. Seit seinem letzten Auftritt (Island, 15. August 2006) schoss kein spanischer Linksaußen mit vergleichbarer Frequenz. Das ist kein Manko, es ist ein Loch. Ein Reyes-Format eben.

Am Dienstag wird man also sehen, ob Yamal oder Ansu Fati diese Lücke stopfen können. Die Antwort ist offen. Sicher ist nur: Der Freistoß gegen Ägypten wird vor jedem Eckstoß an der Bande laufen, auf den Videowürfeln, in den Köpfen. Reyes’ Name wird nicht durchs Mikrofon hallen – er wird durch die Beine der neuen Generation flüstern. Und wenn der Ball dann flach in die linke Ecke zischt, wissen die, die dabei waren, dass irgendwo in Utrera ein Telefon klingelt und eine Mutter den Hörer abhebt, um ihren Sohn zu sagen: „Du hast es gesehen, verstehst du? Das war dein Tor.“