Reiter bleibt: dsv verzichtet auf trainer-poker, setzt auf kontinuität beim herren-biathlon
Tobias Reiter sitzt weiter auf dem Trainerstuhl. Während die DSV-Damen auf Trainersuche sind, behält der Verband beim Herren-Team die Führungsspitze. Keine Aufregung, keine Show – nur knapp 48 Stunden nach Saisonende steht fest: Reiter und Co-Trainer Jens Filbrich planen schon die Vorbereitung auf 2026.
Die Entscheidung fällt leise, aber nicht zufällig. Nach dem Debakel von Antholz – nur Bronze in der Mixed-Staffel, Platz vier für die Herren-Equipe – hätte mancher Verband den Sündenbock gesucht. Reiter selbst spricht offen vom „Jahr des Zweifels“, doch intern kursiert eine andere Währung: Podestplätze plus 17 Prozent, Punkte plus 23. Kein Medaillenregen, klar. Aber auch kein Totalabsturz.
Kein einzel-sieg, aber ein system
Er liefert die Zahlen ohne Pathos. „Wir haben elf Podeste mehr als letzte Saison, in der Nationenwertung 312 Zähler dazugewonnen.“ Der Zahnarzt aus dem Allgäu redet wie ein Analyst, nicht wie ein Motivationscoach. Der Medaillen-Mangel? „Ein Top-Athlet, der alles zudeckt, fehlt.“ Dahinter steckt keine Kritik an Philipp Nawrath oder Philipp Horn, sondern eine nüchterne Einschätzung: Auf dem Papier sind sie schnell genug, aber wer in Oslo, Oberhof und Antholz gleichzeitig treffen muss, braucht entweder norwegische Nerven oder einen Sprint, der 9,5 Sekunden schneller ist.
Reiter zieht den Vergleich zur Konkurrenz. Frankreich, Norwegen, Schweden – alles Teams mit einem Super-Kapitan, der im Notfall auch mal zwei Schießfehler wegschießt. Deutschland hatte in dieser Saison keine Figur, die bei 90 Prozent der Rennen für Plan-Sicherheit steht. Stattdessen lieferten sich fünf Läufer ein Kopf-an-Kopf-Rennen um Startplatz vier. Spannend für Statistiker, fatal im Kampf um Edelmetall.

Fehler-kaskade statt final-sprint
Antholz war symptomatisch. 0+6 liegen die Liegend-Schußzahlen der Herren-Staffel in der Chronik, begleitet von 1+8 im Stehendanschlag. „Jeder wollte es besonders machen“, sagt Reiter, „dann geht es in die Hose.“ Die Kette riss beim ersten Nachlader. Sverre Dahlen Aspenes, Vetle Sjåstad Christiansen, Sturla Holm Lægreid – sie alle trafen. Die deutschen Jungs zögerten, verbrannten Sekunden, verbrannten Pulver.
Dennoch: Ein Ruck ist nicht geplant. Reiter lobt die Moral seiner Truppe. „Kein Saufgelage, kein Interna-Gezeter, keine Social-Media-Schlammschlacht.“ Für den Verband zählt offenbar Stabilität mehr als ein Medien-wirksamer Neuanfang. Und so fliegt der 40-Jährige bereits Mitte Mai ins Trainingslager nach Obertilliach, um die Grundlagen für 2026 zu legen.

Die stunde des nachwuchses
Hinter den Kulissen arbeitet der Technik-Staffel um Marko Schröder an neuen Ski-Modellen, die 17 Gramm leichter und nach Windkanal-Messungen 0,4 Sekunden schneller pro Runde sind. In Ruhpolding laufen parallel Testwettkämpfe mit Danilo Riethmüller und Jonas Kopp, beide 22 Jahre, beide mit Schießquote über 92 %. Reiter nennt sie „Projekt 2027“, sprich: Olympia in der Heimat. Ein klares Bekenntnis zur Kontinuität bedeutet eben auch, dass Talente nicht mehr nur hofiert, sondern gecoacht werden.
Die Fans diskutieren weiter. Manche fordern einen Stefan Schwarzböck als Mental-Coach, andere ein klares Sieg-oder-Sand-Prinzip. Reiter bleibt gelassen. „Wir haben kein Erfolgs-Problem, wir haben ein Medaillen-Problem.“ Klingt nach Wortklauberei, ist aber ein Unterschied, der über Entlassungen oder Vertragsverlängerungen entscheidet.
Die Saison 2025/26 wird seine Antwort. Ohne Superstar, aber mit einem Plan. Wenn im Dezember in Hochfilzen wieder die Staffel anläuft, will Reiter nicht beten, dass Frankreich patzt. Er will, dass Deutschlands Läufer vorne liegen – und diesmal am Schießstand treffen. Kein Neuanfang, sondern eine Fortsetzung mit offenem Ende. Die Medaille mag fehlen, die Richtung steht.
