Reich kehrt zurück: idar-oberstein will in kaiserslautern den keller verlassen

Marco Reich betritt mit SC Idar-Oberstein am Samstag den Fritz-Walter-Stadion-Trainingsplatz – und tritt dabei 27 Jahre Fußballgeschichte an. 1998 feierte der Mittelfeldspieler 31 Bundesliga-Spiele lang mit dem 1. FCK den Jahrhundert-Meister-Titel. Jetzt ist er Trainer, Tabellen-14. und jagt Punkte gegen die Reserve, in der seine eigene Vergangenheit spukt.

Ein „menschenfänger“ kämpft gegen die eigene legende

Ein „menschenfänger“ kämpft gegen die eigene legende

„Für mich persönlich kann es kein normales Spiel sein“, sagt Reich, während die Idar-Obersteiner Mannschaft am Donnerstagvormittag in die letzte Videoeinheit geht. Sein Blick wandert kurz zum Tribünendach, wo einst 40 000 Fans den Meister feierten. Heute schauten 400 Zuschauer auf den A-Platz, die Statistik verrät: Seit Oktober hat Reich aus 14 Spielen 22 Punkte geholt – mehr als doppelt so viele wie die Vorgänger in den ersten neun Partien.

Die Zahlen täuschen nicht. Sie erzählen von Nachtschichten, in denen der 45-Jährige mit Co-Trainer Felix Janicke die Gegner zerlegt, von Einheiten, in denen er jedem Feldspieler eine individuelle Aufgabe für die nächste Halbzeit diktiert. „Er packt uns taktisch und emotional“, sagt Angreifer Florian Zimmer. 16 Tore stehen neben seinem Namen, doch das Knie pocht. „Wenn ich reinkomme, ist jedes Sprintduell ein Biss.“

Der Kader liest sich wie ein FCK-Familienalbum. Kevin Kraus lief 186 Erstliga-Partien für die Roten Teufel, Flavius Botiseriu, Ramzi Ferjani und Justus Klein trugen alle das Trikot mit dem roten F. Jetzt schlüpfen sie in blau-weiß, um genau jenen Klub zu ärgern, der sie früher beflügelte. „Wir sind keine Truppe von Altstars“, stellt Reich klar. „Wir sind ein Aufsteiger, der endgültig in der Oberliga ankommen will.“

Die Tabelle lügt nicht: Zwischen Platz 12 und 17 trennen nur drei Punkte. Der Abstiegsstrudel dreht sich mit jedem Samstag schneller. Reichs Lösung klingt einfach, ist aber harte Arbeit: „Wir müssen kleine Serien starten, zwei, drei Siege, dann schaut keiner mehr nach unten.“ Der 2:0-Sieg in Koblenz war der erste Schritt, das nächste Kapitel steht an. Gegen die eigene Jugendliebe. Gegen die zweite Garde der eigenen Legende.

Am Stadionrand steht ein Mann mit roter Mütze und wartet auf Autogramme. Er war 1998 dabei, als Reich im Mittelfeld gegen Leverkusen den Ball wegschnappte und den Konter einleitete, der zum 4:0 führte. Jetzt hofft er, dass sein Held mit Idar-Oberstein punktet – und vielleicht ein paar alte Geschichten erzählt. Marco Reich wird nicht enttäuschen. Er hat nichts verlernt, nur die Farbe gewechselt. Und wenn die Partie pfeift, wird er kurz innehalten, die Arme verschränken und sich sagen: Der Klassenerhalt ist schöner als jede Meisterschale. Weil er Härte statt Glamour bedeutet. Weil er gegen die eigene Vergangenheit gespielt wird.