Pleiß fällt sechs wochen aus – vechtas playoff-traum droht zu platzen

Tibor Pleiß schreitet mit durchgestrecktem Arm in die Zone, will den Gegner stoppen – und spürt das Knie weg. Sekundenbruchteile später steht fest: Innenbandriss rechts, sechs Wochen Pause. Rasta Vechta verliert seinen Center, seine Schutzschirm, seine beste Antwort auf jeden gegnerischen Big Man – und das genau jetzt, wo die Hauptrunde in die heiße Phase läuft.

Der moment, der alles veränderte

Es war die 28. Minute gegen Ludwigsburg, als Pleiß beim Pick-and-Roll-Defense versuchte, sich lateral zu schließen. „Ich dachte noch: Lass es sein, bleib weg“, sagt er, „aber ich wollte nicht, dass wir so einfach Punkte kassieren.“ Diese eine Rotation, diese eine Entscheidung – sie kostet ihn mindestens 15 Spiele und kostet Vechta möglicherweise die Playoffs. Die Niedersachsen liegen mit 8:10-Siegverhältnis auf Platz neun, nur die Top acht dürfen weiterträumen. Ohne den 2,13-Meter-Riesen wird das ein Spagat.

Coach Payton Weidenbach muss nun seine Front-Coverage komplett umbauen. In den 15 Partien mit Pleiß kassierte Vechta durchschnittlich 78,4 Punkte – in den fünf Spielen ohne ihn schon 89,2. Die Zahl lügt nicht. Sein Ersatz, Joh’Vonnie Jordan, bringt zwar Athletik, aber keine Shot-Altering-Präsenz im Zonen-Look. Die Gegner feierten bereits ihre Matchup-Bilanz: 67 % FG im Restricted Area, wenn Pleiß auf der Bank sitzt.

Nationalspieler mit 109 länderspielen wird zum zuschauer

Nationalspieler mit 109 länderspielen wird zum zuschauer

Pleiß selbst hatte gerade wieder Schwung aufgenommen: 11,3 Punkte, 5,0 Rebounds, 1,2 Blocks bei effektiven 18,4 Minuten – seine besten Zahlen seit dem Türkei-Jahr 2020. Die 36 Jahre schmerzen nicht, solange das Knie mitspielt. Doch genau dieses Knie hatte ihn schon 2019 und 2021 ausgebremst. Jetzt also der darte Riss, diesmal innen. Die Reha beginnt sofort, das Training auf dem Laufband, die isometrischen Übungen, das lästige „Boring Zone“-Programm. „Ich werde die Jungs anfeuern, aber ich weiß, wie viel Druck auf ihren Schultern liegt“, sagt er.

Vechtas sportlicher Leiter Marcel Sörensen arbeitet bereits an einer kurzfristigen Lösung. Ein Import-Wechsel? Ein 10-Tage-Vertrag für einen freien Big? Die Deadline rückt näher, das Kapital ist begrenzt. Die Fans diskutieren bereits auf Twitter, ob man nicht das G-League-Portal öffnen sollte. Doch selbst wenn ein Ersatz kommt – er wird nicht Pleiß sein, nicht die 109 Länderspiele, nicht die zwei EuroLeague-Titel, nicht die Ruhe, die den jungen Guards Sicherheit gibt.

Am Samstag gegen Chemnitz lief Vechta mit einem kleinen Lineup auf, verlor 81:89. Die Niners dominierten das Glas 44:31. Die Pleiß-Lücke war sichtbar. Weidenach sprach von „kleinen Rotationen“, von „energetischen Runs“, doch die Worte klangen wie Beschwörungen. Die Realität: Ohne ihren Center rutschen die Niedersachsen tiefer in die Gefahrenzone. Die Playoff-Linie schneidet aktuell bei 16:18-Siegen. Vechta braucht noch acht Erfolge in 14 Spielen – und die Uhr tickt.

Pleiß wird in zwei Wochen erneut MRT-bildgebend untersucht. Falls das Innenband nicht heilend vernarbt, droht sogar eine arthroskopische Revision. Dann wäre die Saison gelaufen. Für den Spieler, der 2016 in Berlin das Gold um den Hals trug, wäre es der bitterste Abpfiff seiner Karriere. Für Vechta der mögliche Verlust der Lizenz für internische Spiele. Die Liga verliert einen ihrer letzten echten Centerspezialisten, der noch Old-School-Footwork mit modernem Stretch-Five-Spacing verbindet.

Die Geschäftsstelle rechnet: Jedes Heimspiel ohne Pleiß kostet rund 1.200 Tickets weniger, umgerechnet 65.000 Euro Einnahmeausfall. Die Kasse knarzt, der sportliche Abstieg wäre ein finanzieller Schicksalsschlag. Doch selbst in dieser Lage schöpft der Club Hoffnung aus der Jugend: Justus Peuser, 2,08 Meter, 19 Jahre, wird nun mindestens 15 Minuten pro Partie bekommen. Seine Entwicklung könnte langfristig der Trostpreis sein.

Die Saison ist nicht gerettet, sie ist nur noch ein Kampf gegen die Zeit. Und Pleiß sitzt auf der Tribüne, das rechte Knie in einer schwarzen Orthese, und weiß: Manchmal reicht eine einzige Rotation, um eine ganze Saison zu zerren. Die Playoffs rücken in weite Ferne, der Countdown läuft. Vechta muss nun beweisen, dass eine Mannschaft mehr ist als ihr größter Körper. Die Antwort gibt es in den nächsten 42 Tagen – oder gar nicht mehr.