Pitino tritt wieder in die sweet 16 ein – mit einem zero-pointer als helden

Rick Pitino ist wieder da. Kein Schulterklopfen, kein Jubelschrei. Der 73-Jährige stand in seinem maßgeschneiderten Anzug wie ein Regisseur, der gerade erfährt, dass sein Stück auf Broadway verlängert wird. Dann kam Dylan Darling – bis dahin ohne ein einziges Punktchen in der Partie – und versenkte Kansas mit einem Dreher aus sieben Metern. 71:70. Die Uhr zeigte 0,0 Sekunden. St. John’s steht erstmals seit 1999 in der Sweet 16.

Darling war vorher ein phantom

Der 1,85-Meter-Guard aus Idaho hatte in 17 Minuten keine Torchance getroffen, zwei Ballverluste, ein Foul, ein Gesicht voller Frustration. Pitino ließ ihn drin. „Er schießt im Training wie ein Irrer“, sagte der Coach später, „und wenn du einmal triffst, kommst du nie mehr raus.“ Darling traf. Kansas’ Saison ist Geschichte, die Red Storm fliegen nach Houston, und Pitino darf wieder gegen Duke ran – seinen alten Nemesis aus den 90ern.

Die Zahlen sind schonungslos: 27 Jahre ohne die zweite Turnierwoche, drei Trainerwechsel, zwei NCAA-Verbotsperioden, ein Skandal nach dem anderen. Pitino kam vor neun Monaten aus Iona, um ein Projekt zu übernehmen, das längst als verbraucht galt. Er holte sieben Transfers, schmiss zwei Spieler raus, installierte eine 2-2-1-Press, die selbst Big-12-Teams in den Wahnsinn trieb. Ergebnis: 13 Siege in den letzten 15 Spielen, darunter heute Nacht gegen einen Top-Seed.

Pitino denkt schon weiter als indianapolis

Pitino denkt schon weiter als indianapolis

Während seine Spieler sich auf dem Parkett zu einem Knäuel aus Armen und Beinen verhedderten, ging Pitino zur Bank, nahm einen Schluck Wasser und starrte auf die Anzeigetafel. „Ich habe an die Final Four gedacht“, sagte er ohne Ironie. „Warum nicht? Wir haben jetzt den Schwung.“ Die Red Storm treffen am Freitag auf Duke – und auf Jon Scheyer, der 44 Jahre jünger ist als Pitino und dessen erste Playoff-Partie als Coach damals auf VHS aufgenommen hatte.

Die Rechnung für die Bookies: St. John’s war vor Saison 250:1-Underdog für den Titel, jetzt stehen sie bei 18:1. Die Einschaltquoten in New York explodierten in der Nacht um 34 Prozent, mehr als jedes NBA-Spiel dieser Woche. Und Darling? Der Guard wachte mit 1,3 Millionen Views auf TikTok auf, seinem Namen als Trending-Topic und einem Anruf von Spike Lee. „Ich wusste nicht mal, dass er zuguckt“, sagte er. „Der Typ hat ‚Do the Right Thing‘ gedreht – und ich dachte nur: Scheiße, ich muss den Dreher treffen.“

Pitino wird heute Mittag nicht schlafen. Er sitzt im Hotelzimmer, zeichnet Press-Varianten auf ein gelbliches Notizbuch und murmelt Zahlen: 1, 2, 3, 27. Eine für jeden vergeudeten Jahrzehnt. Sein Assistenzcoach sagt, er habe noch nie gesehen, dass Pitino ein Spiel gewonnen habe und sofort zum nächsten Blatt griff. „Er hasst Nostalgie“, sagt er. „Er hasst ‚damals‘. Er will nur das nächste Spielblatt – und dann das nächste.“ Die Sweet 16 wartet. Und Pitino wartet mit ihr. Ohne Falte im Anzug, ohne Falte im Plan.