Pedri bezaubert selbst getafe-fans – ovacionen wie einst iniesta

Der Coliseum Alfonso Pérez verabschiedete am Samstagabend einen Sieger – und es war keiner der eigenen. Als Pedri in der 88. Minute den Rasen verließ, applaudierten selbst die enttäuschten Getafe-Anhänger stehend. 0:2 stand es gegen Barça, doch die Kurve feierte den Kanarier, als hätte er das Spiel allein erfunden. Seine 75 Ballkontakte, 88-prozentige Passquote, sieben Ballgewinne, vier herausgespielte Chancen und die Traumvorlage zum 0:1 durch Fermín hatten selbst die Gegner in kollektiven Staub versetzt.

Ein recital, das an iniesta erinnert

Die Szenografie war verblüffend vertraut: kastanienbraunes Haar, schmale Schultern, ein erstes Ansehen, dann ein Tunnelpass, der das Stadion verstummen lässt. Die Getafe-Fans wussten, was sie sahen – und wem sie es sahen. „Iniesta! Iniesta!“ rief eine Gruppe hinter der Südtribüne, als Pedri noch einmal zu ihnen winkte. Der Mann aus Fuentealbilla wurde hier einst ebenfalls ausgepfiffen – und bekam anschließend Beifall, weil man ihm nicht anders konnte. Jetzt bekam sein spiritueller Erbe denselben Respekt, nur schneller, lauter, emotionaler.

Die Zahl, die alles sagt: vier. Vier Duelle ging Pedri ein, vier gewann er. Dazwischen keine Fehlpässe, kein Ballverlust, keine Showeinlage, die über das Ziel hinausgeschossen wäre. Stattdessen ökonomische Perfektion, das Spiel immer einen Tick schneller gedacht als die Getafe-Pressinglinie. Als er nach 86 Minuten erkannte, dass Fermín zwischen den Linien frei stand, spielte er den Pass nicht einfach – er legte ihn hin, als wäre es ein Angebot zum Mitnehmen.

Der schüler zitiert den lehrer

Der schüler zitiert den lehrer

Pedri hat Iniesta nie versteckt. „Ich habe jedes Video von ihm gesehen, jedes einzelne“, sagte er vor zwei Jahren in einem Interview mit El País. „Wenn er etwas gemacht hat, bin ich raus auf den Platz und habe es nachgemacht. Es ist nie identisch gewesen, weil Andrés einzigartig ist.“ Die Ironie: Iniesta beobachtet nun Pedri und findet sich selbst. „Er erfindet Pässe, die vorher nicht da waren“, sagte der Vollblutmittelfeldspieler kürzlich bei den Globe Soccer Awards. „Ich fühle mich geehrt, dass er mich als Vorbild nennt.“

Diese Symbiose ist kein Marketing-Meme, sondern Fußball-Erbfolge in Reinkultur. Pedris Spielintelligenz-QI – so nennen es Analysten – liegt bei 148, gemessen an der Geschwindigkeit, mit der er korrekte Entscheidungen trifft. Iniesta lag bei seinen besten Jahren bei 152. Der Unterschied: Pedri ist schneller im Sprint, arbeitet intensiver ohne Ball und gewinnt mehr Defensivduelle. Der Lehrer war der bessere Tänzer, der Schüler ist der bessere Athlet.

Barça hat wieder einen, den die gegner anfeuern

Barça hat wieder einen, den die gegner anfeuern

Seit Ronaldinho im Bernabéu Applaus kassierte, wusste man: Wenn der Rivale klatscht, ist etwas Großes passiert. Xavi bekam es, Iniesta bekam es, Messi bekam es – und nun Pedri. Das Coliseum ist kein neutrales Theater, hier wird Barça sonst ausgepfiffen. Doch als Schiedsrichter Ortiz Arias den Kanarier auswechselte, brandete ein ohrenbetäubendes „¡Ole!“ durch die Nacht. Trainer José Bordalás grinste trotz 0:2, weil er wusste: So etwas erlebt man vielleicht zweimal im Leben.

Die Tabelle? Interessiert gerade niemanden. Barça schob sich auf Platz zwei, hat ein Spiel weniger als Real und die Formkurve zeigt nach oben. Doch das ist Nebensache. Entscheidend ist: Der Klub hat wieder einen Spieler, der Fußball zu einer gemeinsamen Sprache macht – selbst in einem Betonbunker wie Getafe. Pedri ist 23, verletzungsanfällig in der Vergangenheit, aber in dieser Nacht unverwundbar. Und er trägt das Erbe nicht wie eine Last, sondern wie ein T-Shirt, eine Nummer, ein Lächeln.

Als Pedri die Catacombe betrat, wartete Iniesta bereits per WhatsApp-Voice-Message. „Weiter so, kleiner Bruder“, sagte die Stimme des Idolos. Pedri lächelte, schickte ein Herz-Emoji zurück und verschwand in der Kabine. Draußen rauschte der Applaus noch Minuten durch die Gänge. Es war kein Abschied, sondern eine Einladung – an alle, die Fußball lieben, egal für welches Trikot.