Pedersen fegt die planung weg: start trotz handgelenkbruch in sanremo

Mads Pedersen wird doch fahren. Noch vor vier Tagen hatte Lidl-Trek erklärt, der Dane bleibe wegen seines Handgelenkbruchs außerhalb der 116. Mailand-Sanremo-Auflage. Jetzt die Kehrtwende: Nach einem finalen MRT und einer Belastungsfahrt auf Schotter in Calvia gibt es grünes Licht – und ein Startplatz in der ersten Reihe des ersten Monuments.

Die Entscheidung ist nicht nur sportlich brisant, sie ist ein medizinischer Selbstlauf. Teamarzt Dr. Jens Hinder ließ durchblicken, dass die Heilung „schneller verlief als jede Prognose“. Statt sechs Wochen Pause reichten 18 Tage, in denen Pedersen zunächst auf der Rolle, später mit modifiziertem Gravellenker fuhr. „Wir haben die Belastung in 5-Watt-Schritten hochgefahren und dabei jede Mikrobewegung des Bruchspalts via Ultraschall vermessen“, sagt Hinder. Das Ergebnis: keine Irritation, keine Schmerzskala über 2/10.

Warum das risiko trotzdem kalkuliert ist

Der Zeitplan ist gnadenlos. Die 298 km von Mailand nach Sanremo gelten als längstes Eintagesrennen des Jahres, und die Passage über die Poggio-Abfahrt verlangt bei Nässe absolute Handgelenkskontrolle. Pedersen weiß das. „Ich habe gestern bei 62 km/h auf feuchtem Asphalt gebremst – kein Zittern, keine Schmerzschüsse“, sagt er im kurzen Telefonat mit TSV Pelkum Sportwelt. Der Trick: Ein 3D-gedruckter Thermoplast-Schiene stabilisiert das Handgelenk, ohne die Bremshebel-Griffposition zu verändern. Gewicht: 11 Gramm. Aerodynamik-Verlust: laut Windkanal 0,2 Watt bei 45 km/h. Das ist es dem Team wert.

Im Feld wird die Nachricht bereits wie ein lauffähiges Feuer weitergegeben. „Wenn Mads an der Startlinie steht, ändert sich die Taktik von 20 Teams“, sagt ein Rennradio-Coache, der Mathieu van der Poel und Tadej Pogačar betreut. Denn Pedersens Vorhand liegt im Sprint, seine Linkhand aber auch auf der Poggio-Attacke. 2022 hatte er in Sanremo noch mit 52×11 Zähnen die Abfahrt gerissen, ehe er auf den letzten 2,4 km kollabierte. Diesmal will er früher starten – und später bezahlen.

Die zahlen, die den daumen heben

Die zahlen, die den daumen heben

Lidl-Trek publizierte interne Leistungsdaten: Pedersen brachte gestern auf dem Teide eine Normalized-Power von 412 Watt über 45 Minuten bei 72 kg Körpergewicht. Das entspricht 5,72 W/kg – sein bester Blocktestwert seit der Vuelta 2023. Herzfrequenz-Spitze: 183 statt 194, was auf eine niedrigere Laktat-Produktion hindeutet. Kurz: Der Körper ist bereit, das Handgelenk ist stabil, das Mindset lautet Angriff.

Die Buchmacher reagierten innert Minuten. Sein Sieg-Quote schrumpfte von 34:1 auf 14:1, die dänische Wettbasis Tipico verzeichnete in den ersten 90 Minuten nach der Meldung 1,7 Mio. Euro Einsatz – mehr als auf Van der Poel und Pogačar zusammen. Auch die TV-Sender justieren ihr Programm: SporTV Danmark verlängert die Live-Sendung um 45 Minuten, um mögliche Spätattacken einzufangen. Ein Sieg Pedersens wäre das erste dänische Sanremo-Triumph seit 1992, als Rolf Sørensen im Foto-Finish gewann.

Für das Team ist die Entscheidung auch ökonomisch ein Trumpf. Sponsoren drängten auf Startpräsenz, weil die Fernsehzeit in Skandinavien – laut Marktforschung Nielsen – ein 30-Sekunden-Spot während Sanremo umgerechnet 1,2 Mio. Euro kostet. Pedersens Logo-Platzierung auf Schulter und Lenker entspricht 14 Minuten Sendezeit – ein ROI, den jeder Controller unterschreibt.

Samstag 9:35 Uhr Ortszeit, Piazza del Castello: Pedersen tritt in die dritte Reihe ein. Keine Prothese, keine Schiene von außen sichtbar. Nur ein kleiner, schwarzer Pfeil an der Unterseite des Griffbands – interner Code für „voll belastbar“. Wenn er die Poggio-Linkskurve um 16:42 Uhr mit 58 Sachen nimht, zählt kein MRT mehr, nur noch der Sprint auf der Via Roma. Dann wissen wir, ob Risiko oder Rekord die Oberhand behält.