Palladino nach 1:6 gegen bayern: „ich würde wieder genauso spielen“

Klaus Schäfer aus Bergamo berichtet: Ein halbes Dutzend Gegentore, ein halbes Dutzend Tiefschläge – und trotzdem steht Raffaele Palladino wie ein Betonpfeiler in der Mixed Zone und erklärt, er habe „nichts“ an seinem Plan zu ändern. Atalanta hat den FC Bayern im eigenen Stadion mit 1:6 verprügelt bekommen, doch der Coach spricht von „wichtiger Lektion“ statt von Katastrophe. Die Fans feiern ihn trotz des Debakels, und Joshua Kimmich staunt über eine Kulisse, die auch nach dem sechsten Gegentor noch skandiert.

Die wucht der münchner: „noch nie spieler mit diesen qualitäten gesehen“

Minute 15. Davies sprintet wie ein Jet über die linke Bahn, Musiala dreht mit Hüftschwung drei Gegner aus, Kane versenkt das 3:1 mit links. Es ist nicht einfach ein Tor, es ist ein Statement. Palladino ballt die Faust, aber nicht aus Wut – aus Respekt. „Wir haben erwartet, dass sie uns wehtun“, sagt er später, „aber nicht so schnell und so präzise.“ Seine Mannschaft versucht, mit dem berühmten Man-to-Man-Prinzip zu kontern, doch Bayern spielt diese Einzelduelle mit dem Coolness-Modus eines Computers. „Wenn wir tief stehen, treffen sie von außen. Wenn wir hoch pressen, spielen sie sich mit drei Kontakten frei. Da hilft kein System“, gesteht der Italienern.

Die Statistik liefert die harten Zahlen: 24:2 Torschüsse, 71 % Ballbesitz, erwartete Tore 4,1 zu 0,4. Atalanta wirkt wie ein Student, der merkt, dass der Lehrer plötzlich Fragen stellt, die nicht mal im Masterstudium stehen. Trotzdem verlangt Palladino keine Bringschuld von seinen Spielern. „Wir sind siebter in der Serie A, im Halbfinale der Coppa Italia, Achtelfinale der Champions League – das ist kein Zufall, das ist unsere DNA.“

„Die besten spieler waren die fans“ – eine kurve, die selbst kimmich still macht

„Die besten spieler waren die fans“ – eine kurve, die selbst kimmich still macht

Kurz vor Abpfiff steht es 6:1. Die meisten Stadien wären leer, hier flattern die Fahnen noch wilder. „Ich bin 29, habe in Dortmund, Liverpool, Paris gespielt – so was habe ich noch nie erlebt“, sagt Kimmich beim Durchlaufen zwischen Mikrofonen. Palladino nutzt den Moment für eine kleine Lobeshymne: „Diese Leute singen nicht, weil sie gewinnen wollen. Sie singen, weil sie Atalanta lieben.“ Es ist ein Gegenentwurf zur modernen Fußball-Ökonomie, in der Ergebnisse über Gefühle entscheiden.

Der Coach kassiert, aber er kassiert bewusst. „Wenn wir zonal decken, verlieren wir unsere Identität. Dann sind wir nur eine Kopie von zehn anderen Teams.“ Diese Sturheit klingt absurd, ist aber Teil des Selbstverständnisses. Atalanta hat sich mit Manndeckung und offensiven Läufen nach vorne gearbeitet; jetzt will sie dieselbe Medizin schlucken, um nicht den Glauben an sich selbst zu verlieren. „Am Ende zählt nicht nur das Ergebnis, sondern auch die Richtung“, sagt Palladino und klingt dabei fast wie ein Philosoph statt wie ein Trainer.

München als prüfstein – das rückspiel droht

München als prüfstein – das rückspiel droht

Die Europa-League-Saison 2017/18 lehrte Bergamo, dass ein 4:0 gegen Everton keine Garantie für das Achtelfinale ist. Jetzt droht in München ein Echo jener Nacht. Palladino schickt seine Scouts trotzdem nicht in die Video-Keller, um Notfall-Pläne zu zimmern. „Wir werden wieder Manndeckung spielen, wieder offensiv pressen. Vielleicht verlieren wir 0:5, vielleicht gewinnen wir 3:2. Aber wir werden nicht verbiegen.“ Das klingt nach Roulette, ist aber Kalkül: Nur wer sich selbst treu bleibt, kann langfristig Erfolg nennen – so lautet die These.

Die Fans jedenfalls buchen schon jetzt ihre Flüge nach Bayern. Sie wollen keine Park-the-Bus-Show, sie wollen das echte Atalanta – mit Risiko, mit Offenheit, mit dem Mut, auch mal sechs Gegentore zu kassieren. Die Curva wird wieder singen, egal wie hoch der Gegner trifft. Und Palladino? Der wird an der Seitenlinie stehen, die Arme wie ein Dirigent, und wieder sagen: „Ich würde wieder genauso spielen.“ In einer Zeit, in der Ergebnisse alles definieren, ist das entweder Selbstmord – oder das letzte Stück Identität, das einem Verein bleibt.